Noch immer wird die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ heiß diskutiert. Welche Argumente sprechen für und gegen die Geschichte um Hannah Baker?
Von Aukse Peciulyte, Klasse 10b, Gymnasium Meiendorf, Hamburg

Bis zum Jahr 2017 war „Tote Mädchen lügen nicht“ (im Original „13 Reasons Why“) ein Bestsellerroman von Jay Asher aus dem Jahr 2007. Die Handlung nahm einfach mit. Doch keiner hätte gedacht, dass es später ein so großes Diskussionsthema sein würde, zu dem sich auch Psychologen weltweit äußern.

Das Buch handelt von Hannah Baker, einem Mädchen, das vor ihrem Selbstmord auf Kassetten 13 Gründe für ihre Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, benennt. Clay Jensen, ein Junge, der in sie verliebt war, findet eines Tages eine Box. Der Inhalt: Die Kassetten, auf denen Hannah über zwölf Mitschüler und einen Lehrer erzählt, die zu ihrem Suizid beigetragen haben sollen. Was ihn schockiert: Er ist einer von ihnen.

„Kein Popcorn-Kino“

Im März des Jahres 2017 erschien dann die gleichnamige Serie, die unter anderem von der berühmten Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez produziert wurde. Der Streaming-Anbieter Netflix machte deutlich, dass „Tote Mädchen lügen nicht“ kein Popcorn-Kino ist. Durch Warnungen in den Intros und dem Aufruf, sich bei psychischen Problemen auf der extra dafür eingerichteten Website Hilfe zu suchen, wurde das zum Beispiel klar.

Trotzdem warnen Ärzte und Experten aus aller Welt Jugendliche vor der Serie. Ihrer Meinung nach würde sie Selbstmord verharmlosen und könnte zur Nachahmung führen. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen ausführlicher Berichterstattung und steigenden Suizidraten. Als bekannt wurde, dass die zweite Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ rauskommen sollte, versuchten besorgte Eltern und Psychiater, das zu verbieten. Das gelang nicht, denn jetzt, Anfang 2019, wurde sogar eine weitere Fortsetzung angekündigt.

Verfechter der Geschichte um Hannah Baker betonen, dass es wichtig sei, das Problem anzusprechen, da es in unserer Gesellschaft viel zu oft unter den Teppich gekehrt würde. Therapeuten haben da einen eher kritischen Blick. Es werden sehr schwere Themen wie Drogenkonsum, Vergewaltigung und Mobbing angeschnitten, aber es folgt keine tiefergehende Auseinandersetzung damit. Explizite Erklärungen der Taten sind nicht vorhanden und die Probleme der einzelnen, psychisch am Ende scheinenden Personen werden auch nicht berücksichtigt – so ihre Einschätzung. Szenen, in denen Selbstmord gezeigt wird, sollen gefährlich sein. Sie können nämlich zu einem ähnlichen Handeln führen und Jugendliche, die von ähnlichen Gedanken betroffen sind, „triggern“.

Es muss enttabuisiert werden!

Andere Stimmen meinen, dass „13 Reasons Why“ sehr bewegt und wichtige Punkte wie Sexismus und Mobbing anspricht. Diese kommen in ihrer Darstellung in den Medien oft zu kurz, so Befürworter. Außerdem wird auch gezeigt, dass es oft zwei Wahrheiten gibt – eine allgemeingültige und eine objektive. Des Weiteren ist niemand ausschließlich böse oder gut – weder Täter noch Opfer.

Mit der Erzählung identifizieren sich jedenfalls viele und werden irgendwie getröstet. Kathrin Weßling, Autorin bei „bento“ schreibt in ihrer Kolumne darüber: „Meine Schulzeit war die Hölle“ und „Hätte es damals ‚Tote Mädchen lügen nicht’ gegeben, hätte ich zumindest gewusst, dass ich nicht alleine bin mit all dem“.

Die zwei bisher erschienen Staffeln regen so oder so zur Diskussion und Aussprache an. Immerhin besteht die Hoffnung, das Schweigen vieler somit zu überwinden. Meiner Meinung nach ist es wirklich wichtig, über das Thema zu sprechen. Die Gefahr dazu besteht immer – egal, ob man darüber redet oder nicht. Ich finde es notwendiger, Selbstmord und die häufigsten Gründe zu erläutern, als es tot zu schweigen. Jugendliche, die in Schwierigkeiten stecken, können so gehört werden und glauben vielleicht weniger, allein zu sein. Letztendlich haben beide Seiten verständliche Argumente, doch die Frage bleibt offen. Ist die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ wirklich gut für die Jugendlichen?

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