Die Ereignisse in Chemnitz sind der jüngste Höhepunkt eines Phänomens, das im Jahr 2015 mit der großen Fluchtbewegung nach Deutschland seinen Anfang nahm.
Von Noah Egner

Unserer Gesellschaft muss, so leid es mir tut, ein Ruck nach rechts direkt in die braune Suppe rein attestiert werden: Es scheint eine Mischung aus Angst vor den „Fremden“, ihrer Kultur und dem Gefühl der maßlosen Überforderung zu sein. Nach dem gewaltvollen Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz mobilisierte die rechte Organisation Pro Chemnitz: Tausende wuterfüllte Menschen gingen auf die Straßen, weil ein Syrer und ein Iraker tatverdächtig sind. Für diese Leute scheint die Gleichung einfach: Wenn zwei Geflüchtete vermutlich einen Mann töten, tun das alle anderen potenziell auch.

Dieses gefährliche Pauschalisieren gepaart mit geballter Fremdenfeindlichkeit machten sich dann lautstark auf den Straßen der sächsischen Stadt bemerkbar. Diese Pragmatik des Vereinfachens begegnet uns bei den neuen rechten Kräften, die mit ihrer Sprache Gewalt und Hass provozieren.

Doch was bedeutet das für mich als Teil der vermeintlich – das muss man an dieser Stelle betonen – aufgeklärten und offenen Gesellschaft?

Sehen wir uns die Bilder der vergangenen Tage an: Anhänger des rassistischen Mobs zeigen den Hitlergruß, und das sind nicht nur 60-jährige Opis, die am Stammtisch auf den Asylanten schimpfen, nein, auch junge Menschen sind unter den Protestierenden gewesen. Die machen mit und schüren den Hass!

Ich bin 17 Jahre alt, in meine Klasse gehen Migranten, meine Schule wird von geflohenen Menschen besucht – für mich ist das selbstverständlich. Mit den Bildern der letzten Wochen aus Chemnitz und von anderen Demos von Rassisten kann ich mich nicht identifizieren, niemand in meinem Freundeskreis und niemand aus deren Freundeskreisen. Trotzdem gibt es junge Menschen, die Fremdenfeindlichkeit unterstützen, braunes Gedankengut teilen.

Sie sind auf die populistische Hetze reingefallen, die Einzelfälle zum Programm macht, auf Stimmen, die bewusst manipulieren, oder Parteien, die ein abscheuliches Weltbild etablieren wollen. Ein Teil von diesen jungen Menschen, die augenscheinlich nicht hinreichend reflektieren, glaubt deren Lügen. Die anderen sind leider überzeugt, engstirnig und ideologisch vernarrt.

Das Problem: Das Kalkül der Szene zielt darauf ab, dass Menschen es eben gerne einfach haben und simple Gleichungen lieber haben als komplizierte. Die rassistische Szene dreht und schiebt diese Leichtgläubigen nach ihrem Interesse und benutzt den überzeugten Teil als Resonanzboden für ihr braunes Gegröle.