Interview

„Freundschaft ist eine individuelle Beziehung“

Fünf Freunde machen ein Selfie
Wenn man Jugendliche nach besonderen Ereignissen fragt, kommen in aller Regel Erlebnisse mit Freunden dabei raus. Bei Hobby steht „Freunde treffen“ ebenfalls ganz oben. Der Professor für Anthropologie und Erziehung an der FU Berlin, Christoph Wulf, erklärt, warum das so ist.
Von Hristo Lolovski

Zwei Elefanten als Symbol für Freundschaft

BFFs und Cliquen-Chaos: In dieser Serie widmet sich funky dem Thema Freundschaft.

Wann fängt Freundschaft an?

Freundschaft kann sehr früh beginnen. Ich sehe das zum Beispiel an meiner Enkelin, die noch nicht drei Jahre alt ist und bereits Präferenzen für bestimmte Spielkameraden hat. In der Grundschule bilden sich oft Freundschaften, die ein ganzes Leben lang halten.

Woran liegt das? Was sucht man in einer Freundschaft?

Wir Menschen sind in hohem Maße soziale Wesen. Wir könnten nicht leben, wenn wir keine Unterstützung durch andere Menschen erführen, die an unserem Leben Anteil nehmen und uns fördern. Ein Fohlen ist nach fünf Minuten lebensfähig, ein Mensch braucht jahrelang, jahrzehntelang die Hilfe anderer Menschen. Wir sind in unserem Handeln nicht durch Instinkte festgelegt; wir sind weltoffen und dadurch abhängig von der Zuwendung anderer Menschen. Daher benötigen wir für ein erfülltes Leben Freundschaft.

Wenn man einen Freund hat, dann entsteht ein Austausch von Sichtweisen. Dieser Austausch erweitert unsere Erfahrungen.

Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung

Man sucht bei einem Freund Verständnis, Anerkennung, Zuwendung. Bei jungen Menschen führt dies auch zu einer Erweiterung durch neue emotionale Erfahrungen. Man ist mit seiner Herkunftsfamilie vertraut; in ihr erwirbt man eine bestimmte Sicht auf die Welt und auf andere Menschen. Ein Freund oder eine Freundin stammen aus einer anderen Familie; sie haben eine andere Weltsicht, an der man durch eine Freundschaft Anteil bekommt. Wenn man einen Freund hat, dann entsteht ein Austausch von Sichtweisen; dieser Austausch erweitert unsere Erfahrungen. Deswegen sind Freunde auch so wichtig für unsere Entwicklung.

Welche Dimensionen von Freundschaft gibt es noch?

Eine andere Dimension von Freundschaft besteht darin, dass Freunde uns emotional entlasten und stützen. Man kann mit ihnen über Probleme sprechen. Fragen der Sexualität zum Beispiel können viele junge Menschen mit ihren Eltern nicht so besprechen, wie sie es mit einem Freund oder einer Freundin können. Wichtig sind Freunde und Freundinnen auch für die Entwicklung einer politischen Orientierung. Mit einem Freund überprüft man die eigenen Weltsichten.

Daher ist Freundschaft ein wichtiger Teil unseres Lebens. Sie gibt uns die Möglichkeit, unsere Lebenserfahrungen zu verarbeiten, und hilft uns dabei, uns im Leben zu stabilisieren, wenn es zum Beispiel Probleme mit der Freundin oder dem Freund gibt oder schulische Probleme uns verunsichern. Vor einem Freund muss man sich nicht verteidigen, man muss keine Maske aufsetzen, sondern kann die Emotionen fließen lassen.

Spielen Hormone bei Freundschaft eine Rolle?

Es gibt viele unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Überlegungen dazu. Wenn man an Freundschaften zwischen Männern und Frauen denkt, dann spielt Erotik natürlich eine Rolle. Oft gelangt jedoch diese Seite der Beziehung nicht ins Bewusstsein; man mag den anderen irgendwie, man fühlt sich angezogen; doch weiß nicht, warum.

Natürlich spielt ein Freund, der in der gleichen Situation oder ein bisschen weiter in der Entwicklung ist, eine wichtige Rolle.

Christoph Wulf glaubt nicht, dass Hormone ausschlaggebend für Freundschaften sind.

Freundschaften sind in der Pubertät besonders wichtig; da passiert viel Hormonelles. In dieser Zeit geht die Lebenssicherheit, die man als Kind hatte, durch das Entstehen sexueller Bedürfnisse und durch die entsprechenden Veränderungen des Körpers verloren. In dieser Phase ist man labil. Natürlich spielt ein Freund, der in der gleichen Situation oder ein bisschen weiter in der Entwicklung ist, eine wichtige Rolle. In dieser Zeit gibt es hormonell geschaffene Bedingungen, die für die Entstehung einer Freundschaft wichtig sein können. Doch ich glaube nicht, dass man Freundschaft auf die Entwicklung von Hormonen zurückführen kann.

Was unterscheidet Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen von der Freundschaft zwischen Erwachsenen?

Man sieht oft bei alten Menschen, dass sie keine neuen Freunde mehr bekommen. Als Jugendlicher sucht man immer wieder einen Gefährten, mit dem man etwas teilt; man ist bedürftiger als ein alter Mensch. Somit sind gute Freundschaften oft Beziehungen, die in der Jugend entstehen. Dann kommt der Zeitfaktor hinzu – eine Freundschaft muss gepflegt werden, man muss sich um sie kümmern. Jemand, der in der Arbeitswelt eingespannt ist, hat oft zu wenig Zeit für die Pflege von Freundschaften. Prinzipiell kann eine Freundschaft in jedem Alter entstehen, aber es scheint eine Tendenz zu geben, dass Freundschaften im jugendlichen Alter häufiger entstehen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass jüngere Menschen eher als ältere bereit sind, sich auf andere einzustellen.

Hat die Pubertät Einfluss auf die Freundschaft, weil das die Zeit ist, in der sich Freundesgruppen bilden?

Die besonderen Bedingungen dieser Altersphase spielen sicherlich eine Rolle. Cliquen oder Freundschaftsgruppen sind wichtig, um nicht in der Sozialisation der eigenen Familie stecken zu bleiben. In Gruppen von Gleichaltrigen gelten andere Werte, Regeln und Verhaltensweisen als in der Herkunftsfamilie. Hier macht man mit den anderen Jugendlichen zusammen ganz neue Erfahrungen. Daher ist die Gruppe in diesem Alter eine besonders wichtige Bedingung für die Entstehung von Freundschaften.

Vertrauen und Verlässlichkeit sind wichtige Bedingungen von Freundschaften.

Christoph Wulf streitet sich selten mit Freunden, weiß aber, dass andere Faktoren noch wichtiger sind.

Clique klingt für mich auch nach Stress. Gehört Streit zu der Erfahrung dieser Zeit?

Freundschaften sind so vielfältig wie menschliche Beziehungen generell. Es gibt Freundschaften, in denen man sich noch nie gestritten hat, und es gibt andere, in denen es öfter Streit gibt; aber das bedeutet nicht, dass diese Freundschaften nicht echt und tief sind. Ich selbst gehöre eher zu den Menschen, die Freunde haben, mit denen sie sich nie gestritten haben. Aber es gibt auch andere Menschen, bei denen Freundschaften spannungsreich, aber dennoch verlässlich sind. Vertrauen und Verlässlichkeit sind wichtige Bedingungen von Freundschaften. Man muss das Gefühl haben, wenn es mir mal nicht gut geht oder wenn ich ein Problem habe, dann kann ich mit dem oder der anderen reden.

Sie haben über Vertrauen gesprochen. Dann müssten Freunde auch Einfluss auf die persönliche Entwicklung haben?

Ja, das haben sie. Man hat Freunde und man lernt von ihnen. Sie helfen einem bei der eigenen Entwicklung genauso, wie man sie bei ihrer Entwicklung unterstützt. Freundschaften haben eine aktive Seite; sie werden gestaltet, sie verändern sich. Wir schaffen uns Freundschaften, „doing friendship“, wie die Amerikaner in zugespitzter Form sagen.

Wenn man zum Beispiel Sport zusammen macht, etwa gemeinsam tanzen geht, oder Abenteuer miteinander erlebt, dann verbindet die Gemeinsamkeit der Erfahrung.

Christoph Wulf sagt, es braucht Gleichklang für Freundschaft, also Gemeinsamkeiten.

Hat Freundschaft auch eine passive Seite?

Ja, man kann sich viel um jemanden bemühen, und dennoch entsteht keine Freundschaft, weil die Grundstrukturen und Grundgestimmtheiten unterschiedlich sind. Man braucht einen Gleichklang mit dem Anderen, der Sympathie und Vertrauen auslöst. Das sind atmosphärische Komponenten, die sich oft nur begrenzt erfassen lassen. Sie haben etwas mit Gefühlen zu tun, mit gemeinsamen Wünschen und Sehnsüchten. Auch wenn man zum Beispiel Sport zusammen macht, etwa gemeinsam tanzen geht, oder Abenteuer miteinander erlebt, dann verbindet die Gemeinsamkeit der Erfahrung.

Denken Sie, dass es Unterschiede zwischen Freundschaften unter Mädchen und Jungen gibt?

Ich bin sehr vorsichtig, über Genderdifferenzen bei Freundschaften zu sprechen. Es gibt Männer, die etwas weicher, sensibler sind, es gibt Frauen, die härter sind, und dazwischen gibt es alle Schattierungen. Freundschaft ist eine individuelle Beziehung zu einer konkreten Person. Ob man einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Freundschaften unter Männern und unter Frauen festmachen kann, ist für mich eine offene Frage. Zu Freundschaften gehört viel mehr als Genderzugehörigkeit. Es ist unzulänglich zu versuchen, eine so komplexe Lebensform, die sich über Jahre entwickelt, aus einem Merkmal zu erklären. Es ist niemals ein einzelner Faktor allein, der zu einer Freundschaft führt, es sind stets viele Faktoren.

Wenn man mit jemandem mehr als sieben Jahre befreundet ist, dann dauert die Freundschaft ein Leben lang, sagt man. Was halten Sie davon? Woran liegt das?

Ich würde mich mit den sieben Jahren nicht so festlegen. Wenn man mit jemandem über einen längeren Zeitraum befreundet ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Freundschaft hält, sicherlich größer. Doch es gibt auch Freundschaften, die nur an eine gemeinsame Aktivität gebunden sind. Dann halten sie womöglich nur ein paar Wochen; danach gehen die Menschen wieder in unterschiedliche Richtungen. Es gibt aber auch Freundschaften, die sich über viele Jahre hin entwickeln und die viele gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen einschließen. Sieben Jahre sind eine magische Zahl, die auch bei Ehen eine Rolle spielen soll. Nach sieben Jahren sollen viele Ehen zerbrechen, sagt man. Doch das scheint mir etwas zu einfach zu sein.

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