{"id":57084,"date":"2022-06-03T10:10:23","date_gmt":"2022-06-03T08:10:23","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2022\/06\/03\/dominik-bloh-ueber-das-leben-auf-der-strasse-man-wird-nicht-gesehen-obwohl-man-immer-sichtbar-ist\/"},"modified":"2022-06-16T11:13:13","modified_gmt":"2022-06-16T09:13:13","slug":"dominik-bloh-ueber-das-leben-auf-der-strasse-man-wird-nicht-gesehen-obwohl-man-immer-sichtbar-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2022\/06\/03\/dominik-bloh-ueber-das-leben-auf-der-strasse-man-wird-nicht-gesehen-obwohl-man-immer-sichtbar-ist\/","title":{"rendered":"Dominik Bloh \u00fcber das Leben auf der Stra\u00dfe: \u201eMan wird nicht gesehen, obwohl man immer sichtbar ist\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Obdachlose sind im Stadtbild allgegenw\u00e4rtig, trotzdem k\u00f6nnen sich nur wenige vorstellen, wie das Leben auf der Stra\u00dfe wirklich aussieht. Dominik Bloh lebte von Februar 2005 bis April 2016 &nbsp;auf den Stra\u00dfen von Hamburg. \u00dcber seine Erfahrungen als Obdachloser berichtet der inzwischen 34-J\u00e4hrige unter anderem in seinem Buch \u201eUnter Palmen aus Stahl\u201c. Wie er diese elf Jahre auf der Stra\u00dfe erlebte und wie es ihm gelang, ein neues Leben zu beginnen, erz\u00e4hlt er im Interview.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"author\"> Alicia Homann, funky-Jugendreporterin <\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bist du obdachlos geworden?<\/strong><br>Das hat nat\u00fcrlich eine Vorgeschichte. Kurzum war es so, dass meine Mutter krank geworden ist. Bei ihr wurden viele psychische Erkrankungen diagnostiziert. Es fing mit Depressionen an, diese entwickelten sich dann zu manischen Depressionen und einer Borderline-St\u00f6rung bis hin zur Schizophrenie. Sie war so \u00fcberfordert mit dieser Situation, dass sie beschlossen hat, ihre Vormundschaft abzulegen. Sie wollte also nicht l\u00e4nger mein gesetzliches Elternteil sein. Mit der Entscheidung hat sie aber auch gleichzeitig gesagt: \u201eHey du hast jetzt noch eine Stunde Zeit, deine Sachen zusammenzupacken und dann verl\u00e4sst du diese Wohnung. Ich m\u00f6chte nicht l\u00e4nger mit dir zusammenleben.\u201c Am Ende hat mich das auf die Stra\u00dfe gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wo hast du geschlafen?<\/strong><br>Das ist so eins der gro\u00dfen Irrt\u00fcmer \u00fcber das Leben auf der Stra\u00dfe: Es gibt nicht viel Schlaf. Ich war immer in Bewegung und deswegen ist <strong>Rastlosigkeit<\/strong> einer der Hauptbegriffe, mit denen ich mein damaliges Leben definieren w\u00fcrde. Gerade in kalten N\u00e4chten geht es nur darum, immer wieder zum n\u00e4chstw\u00e4rmeren Platz zu fliehen, um sich irgendwo ein bisschen hinzusetzen oder hinzulegen. Aber in der Regel war das Steinboden und einfach super hart. <strong>Da kann man nicht lange liegen, man kann keine Ruhe finden. <\/strong>All das, was wir denken, was Schlaf bedeutet, was es hei\u00dft, erholt und ausgeruht zu sein, das gibt es auf der Stra\u00dfe nicht. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong>Gerade dann, wenn man immer mit einem Auge wachsam ist, ist es schwer, \u00fcberhaupt weiterzukommen.<\/strong><\/p><cite>Dominik Bloh<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hast du dich ern\u00e4hrt?<\/strong><br>Es gibt in Deutschland den Satz \u201eKeiner muss hier verhungern.\u201c Und das stimmt auch. Es gibt zum Gl\u00fcck viele ehrenamtliche Initiativen, die sich um Menschen auf der Stra\u00dfe k\u00fcmmern. Die ihnen eine Grundversorgung bieten, auch was Essen angeht. <strong>Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist, dass man nie essen kann, wenn man wirklich hungrig ist und dann auch nicht das, worauf man wirklich Lust hat.<\/strong> W\u00e4hrenddessen l\u00e4uft man aber durch die Stra\u00dfen und sieht Menschen in Burgerl\u00e4den mit drei Scheiben Fleisch auf ihrem Burger oder mit einer Pizza, die sich eine ganze Familie teilen k\u00f6nnte. Wenn man dann mit leerem Magen durch die Gegend l\u00e4uft, kann einen das sehr stressen. An manchen Tagen habe ich einfach im Supermarkt Schokolade geklaut, einfach nur, um ein bisschen Zucker zu bekommen, um ein bisschen runterzufahren. Ansonsten lebt man von der Hand in den Mund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bist du klar im Kopf geblieben?<\/strong><br>Bis heute ist die Stra\u00dfe in meinem Kopf. Viele Erfahrungen, die ich gemacht habe, konnte ich durch das Schreiben verarbeiten, das war wie eine <strong>Selbsttherapie<\/strong>. Au\u00dferdem habe ich stets an meine Gro\u00dfeltern gedacht. Sie waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben und haben immer an mich geglaubt. Das hat mich immer wieder zur\u00fcckgeholt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Inwiefern ist das Klischee real, dass viele Obdachlose die Kontrolle \u00fcber ihr Leben verloren haben und drogenabh\u00e4ngig sind?<\/strong><br>Mit Sicherheit ist es auf der Stra\u00dfe sehr schwer zu ertragen. <strong>Sich zu bet\u00e4uben ist hilfreich, um einfach weiter im \u00dcberlebensmodus zu bleiben<\/strong>. Es ist dann der Moment, in dem man mal abschaltet. Ich finde, in unserer Gesellschaft f\u00fchren wir die Diskussion falsch. Wir denken immer noch nach dem Prinzip: Ich sehe da Menschen, ich unterstelle ihnen etwas und gebe ihnen die Schuld f\u00fcr ihre Situation. <strong>Wir m\u00fcssen Suchtkrankheiten behandeln.<\/strong> Wir, die wir die Ressourcen und M\u00f6glichkeiten haben, m\u00fcssen ihnen die Hand reichen und sagen: \u201eKomm, ich helfe dir beim Aufstehen.\u201c Ich sage nicht zu einem drogenabh\u00e4ngigen Obdachlosen: \u201eDu h\u00e4ngst an der Flasche und du musst dich selbst darum k\u00fcmmern, wieder auf die Beine zu kommen.\u201c Das liegt in unserer Verantwortung und vor allem auch in der Verantwortung der Politik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie war es, keine Privatsph\u00e4re zu haben?<\/strong><br>Man ist immer drau\u00dfen und man ist st\u00e4ndig seiner Au\u00dfenwelt ausgesetzt. Es ist so schwierig, das in Worte zu fassen: <strong>Man wird nicht gesehen, obwohl man immer sichtbar ist. <\/strong>Man ist unsichtbar, weil einen keiner wahrnimmt. Man muss immer genau einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, wer um einen herum ist und mit welcher Intention die Menschen die N\u00e4he suchen. Deswegen muss man viel beobachten, man muss Menschen schnell einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen und immer vorbereitet sein, um rechtzeitig auf Mitmenschen reagieren zu k\u00f6nnen. Da geht es um die Angst, dass auch Schlimmeres passieren k\u00f6nnte, man zum Beispiel angegriffen wird. Das ist bei Menschen, die auf der Stra\u00dfe leben, st\u00e4ndig der Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was wissen viele nicht \u00fcber das Obdachlossein?<\/strong><br>Ich glaube, es ist unbeschreiblich. Deshalb ist es wichtig, dass ich als ehemaliger Betroffener f\u00fcr viele Menschen eine Stimme sein kann, die immer noch da drau\u00dfen sind. Um die Situation verst\u00e4ndlicher zu machen und Bez\u00fcge herzustellen. Ich w\u00fcnsche es keinem, dass er oder sie in so eine Lebenslage ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> <strong>Ein \u00dcberleben ist kein Leben.<\/strong> <\/p><p><\/p><cite>Dominik Bloh<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche menschliche Zur\u00fcckweisung musstest du besonders h\u00e4ufig erleben?<\/strong><br>Auf jeden Fall habe ich sehr oft Ekel und Verachtung wahrgenommen. Menschen sind auf Distanz gegangen, wenn ich nicht das passende \u00e4u\u00dferliche Erscheinungsbild hatte und meine Klamotten schmutzig aussahen. Das ist immer der Moment, in dem die Menschen einen h\u00e4sslich anschauen. Besonders im Sommer, wenn es hei\u00df ist, man schwitzt und einfach st\u00e4rker riecht. Es passiert einfach sehr oft und es ist zu erkennen, dass da viel Angst, Unwissen, aber auch eine Beklommenheit dahinterstecken. Ich konnte sehen, was viele Menschen \u00fcber mich gedacht haben. <strong>Deswegen ist es f\u00fcr mich so wichtig, nicht zu l\u00fcgen. <\/strong>Wenn mir jemand auf der Stra\u00dfe begegnet und mich fragt \u201eHey kannst du mir Geld geben? Du hast doch bestimmt ein bisschen Kleingeld\u201c, dann sage ich nicht \u201eNein ich habe kein Kleingeld\u201c. Denn das ist eine L\u00fcge und dieser Mensch kann das sp\u00fcren. Der denkt sich dann: \u201eIch wei\u00df, dass du mich anl\u00fcgst, das bin ich dir also wert.\u201c Mit anderen Antworten kann man dem ein bisschen entgegenwirken. Das ist der Grundgedanke, mit dem man seinen Mitmenschen begegnen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Also waren es eher Blicke und weniger k\u00f6rperliche Angriffe?<\/strong><br>Ich war damals noch sehr jung. Also ich bin mit 26 von der Stra\u00dfe heruntergekommen. Ich bin relativ gro\u00df. Deswegen war ich nicht h\u00e4ufig mit Gewalt konfrontiert. Ich habe das nat\u00fcrlich bei anderen beobachtet. Dabei konnte ich sehen, dass die Menschen, die angreifen, oft enthemmt sind. Das geht eben so weit, dass es bis zur T\u00f6tung kommt. <strong>Daher ist es ganz klar, dass Obdachlose eine leichte Zielscheibe sind und man permanent in Lebensgefahr schwebt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gab es irgendwann einen Punkt, an dem du dein \u201eSchicksal\u201c einfach akzeptiert hast?<\/strong><br>Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. <strong>Diese Akzeptanz ist ein Schutz.<\/strong> Du lebst in dieser Schei\u00dfe. Es hilft dir, irgendwann zu sagen: \u201eIch akzeptiere meinen Zustand, ich w\u00e4hle das hier bewusst, das ist meine Entscheidung.\u201c Statt sich st\u00e4ndig damit zu konfrontieren, dass das \u00fcberhaupt nicht das Leben ist, das man w\u00e4hlen m\u00f6chte. So kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man fast aufgegeben hat und sagt: \u201eIch geh\u00f6re hierhin, mein Platz ist ganz unten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><\/p><p><strong>Und das verwechseln viele dann h\u00e4ufig mit freiwilliger Obdachlosigkeit, die es so, glaube ich, nicht gibt. Es ist vielmehr der Schutzmechanismus, zu sagen: \u201eIch habe das frei gew\u00e4hlt, so f\u00fchle ich mich sicherer.\u201c<\/strong><\/p><cite>Dominik Bloh<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es gibt Projekte, die Obdachlose unterst\u00fctzen wollen, wie zum Beispiel \u201eWeihnachten im Schuhkarton\u201c. Welche Spenden sind besonders hilfreich?<\/strong><br>Da kann man spenden, was tats\u00e4chlich dem Bedarf entspricht. Das l\u00e4sst sich relativ schnell herausfinden, die Seiten geben meistens an, was wirklich ben\u00f6tigt wird. Zum Beispiel werden immer warme Wintersachen, Unterw\u00e4sche, Schuhe, Hygieneartikel und gerade f\u00fcr Frauen auch Menstruationsprodukte ben\u00f6tigt. Haltbare Lebensmittel sind schwieriger, weil diese muss man transportieren. Schlafs\u00e4cke sind gut, Isomatten, Rucks\u00e4cke, Zelte \u2013 solche Dinge kann man mit Sicherheit einpacken. Aber jeder freut sich auch einfach \u00fcber Gegenst\u00e4nde, die einem im Alltag Freude bereiten. Vielleicht ein kleines Spielzeug, das ablenkt. Ich kenne diese Zauberw\u00fcrfel, die einen total nerven, aber die k\u00f6nnen einem auf der Stra\u00dfe helfen, Zeit herumzukriegen. Es muss nicht immer etwas sein, was die Grundbed\u00fcrfnisse abdeckt, sondern man kann auch kreativ werden und sich etwas Sch\u00f6nes \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was f\u00fcr Lehren ziehst du aus dem Leben als Obdachloser?<\/strong><br>Das ist heute auf jeden Fall alles, was ich bin. Die Stra\u00dfe hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich habe dort viel gelernt.<strong> Ich denke, was mich seitdem permanent begleitet, ist Dankbarkeit, Demut, Wertsch\u00e4tzung, Respekt und Menschlichkeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie ist es dir gelungen, aus dieser Situation wieder zur\u00fcck in das sogenannte normale Leben zur\u00fcckzukehren?<\/strong><br>Jede Ver\u00e4nderung beginnt bei einem selbst, das habe ich irgendwann auf meinem Weg gelernt. Ich habe mich entschieden, nochmal etwas anderes zu machen, als ich verstanden habe, dass das eine Einbahnstra\u00dfe ist und ich so vielleicht keine 30 Jahre alt werde. Man muss sich entscheiden, dann handelt man auch eher. Ich habe mir dann angeschaut, was sich \u00e4ndern muss. F\u00fcr mich war zum Beispiel das L\u00fcgen ein gro\u00dfes Problem, weil ich mich so gesch\u00e4mt habe. Ich habe nicht gerne erz\u00e4hlt, dass ich auf der Stra\u00dfe lebe. Ich habe andere Sachen erz\u00e4hlt, aber ich habe verstanden, dass mich so niemand kennenlernen kann. Niemand wei\u00df wirklich, wer man ist. Die L\u00fcgen werden aber auch zur eigenen Wahrheit. Man wei\u00df nicht mehr, wer man ist, wenn man sich selbst bel\u00fcgt. Also habe ich angefangen, ehrlich zu werden, zu mir und zu anderen. Das war im Jahr 2015, zu dieser Zeit &nbsp;erreichten viele Gefl\u00fcchtete Hamburg. Einer meiner t\u00e4glichen G\u00e4nge war der zum Hauptbahnhof. Ich habe die Menschen dort vor \u201eDouglas\u201c und \u201eThe Body Shop\u201c schlafen gesehen. Das hat mein Leben widergespiegelt, allerdings konnte ich mich im Gegensatz zu ihnen verst\u00e4ndigen. Diese Menschen aus den Kriegsregionen wissen gar nicht, wohin sie gehen sollen. Ich wusste, wo es Klamotten gibt, wo man etwas zu essen bekommt und &nbsp;wie man Antr\u00e4ge ausf\u00fcllt. <strong>Ich konnte ihnen helfen.<\/strong> <strong>Diese Kombination aus Ehrlichsein und Gutes tun \u2013 die hat in meinem Leben ganz viel ver\u00e4ndert.<\/strong> Erst meine \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde, dann bin ich auf die richtigen Menschen getroffen. Einer dieser Menschen hat selbst eine Stiftung f\u00fcr junge Menschen in schwierigen Lebenslagen gegr\u00fcndet, eigentlich nur im Ausland. Er fand das so krass, dass ich anderen helfe und abends nicht wusste, wo ich schlafen sollte. Er hat gesagt: \u201eIch besorge dir eine Wohnung und ich zahle ein Jahr lang deine Miete, du kannst wieder auf die Beine kommen.\u201c Das war mein Weg raus. <strong>Man kann viel erreichen, aber es braucht auch immer andere Menschen. <\/strong>Zusammen kann man Gutes erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was war f\u00fcr dich die h\u00e4rteste Situation, die du erlebt hast?<\/strong><br>Es gibt so viele. Ich m\u00f6chte das auch gar nicht so ansprechen, denn im Grunde geht es nicht um die harten Situationen, sondern um die ganzen Kleinigkeiten, die einen bedr\u00fccken, belasten, erniedrigen, dem\u00fctigen und einen wirklich so f\u00fchlen lassen, als sei man nichts. <strong>Es gibt nichts H\u00e4rteres, als zu denken, dass man nichts mehr ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du warst ja sehr jung, als du obdachlos geworden bist. Hat dich das von anderen Obdachlosen unterschieden?<\/strong><br>Ja, das hat mir sehr geholfen. Ich konnte noch viel wegstecken, ich bin nicht so oft krank geworden, ich konnte N\u00e4chte lang durchlaufen. Es war mir immer m\u00f6glich, so viel Energie zu bewahren, dass ich alle meine Sachen geregelt bekommen habe. Gleichzeitig ist es auch schwer als junger Mensch, weil die \u00c4lteren schon an einem ganz anderen Punkt angekommen sind. Ich war nicht bereit, diese andere Welt zu ber\u00fchren. Ich war deswegen oft alleine unterwegs, habe versucht, mir alles selbst beizubringen. Einmal habe ich aber von zwei \u00c4lteren einen guten Tipp bekommen. Da hatte ich mein Zelt direkt an der Hafenmauer aufgebaut. Einer von beiden kam r\u00fcber und meinte: \u201eDu darfst auf keinen Fall auf dieser Seite der Mauer schlafen, du musst auf die andere Seite wechseln, zu uns. Die Menschen schmei\u00dfen von der Mauer Steine, pissen dir aufs Zelt oder schmei\u00dfen verbrannte Kippenstummel herunter, das ist gef\u00e4hrlich f\u00fcr dich.\u201c Das sind nat\u00fcrlich Sachen, die nur Menschen wissen, die schon l\u00e4nger auf der Stra\u00dfe leben. Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen jungen und alten Obdachlosen. Ich hatte erstmal gro\u00dfen Respekt davor, auf die Menschen zuzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie stand es um Freunde und deine Familie?<\/strong><br>Zu der Zeit habe ich Freundschaften noch einmal stark \u00fcberdacht. Ich habe meine erste Nacht drau\u00dfen verbracht und eigentlich hatte ich gedacht, ich h\u00e4tte einen Freund, der nicht weit weg von mir gewohnt hat. An dem Abend bin ich bei ihm vorbeigegangen. Ich habe auch noch gesehen, dass bei ihm oben Licht an war und habe geklingelt. Er hat mich gesehen, er hat rausgeschaut und hat dann die T\u00fcr nicht aufgemacht. Oben ging das Licht aus und ich stand vor dieser T\u00fcr und dachte mir: \u201eWas bist du f\u00fcr ein Freund.\u201c Das war der erste Moment, in dem ich nicht mehr wusste, wohin. Nat\u00fcrlich gab es viele Kollegen, aber als es mir schlechter ging, blieben von denen nur noch wenige \u00fcbrig. Ich bin sehr dankbar f\u00fcr die Freund*innen, die ich damals noch hatte. Sie haben in ihrem Rahmen alles getan. Sie haben ihr Taschengeld mit mir geteilt, sie haben mir Brote geschmiert, sie haben nachgefragt, was ich brauche. Aber ob ich mit zu jemanden nachhause gehen konnte, das haben am Ende immer noch die Eltern entschieden. Es gibt so einen Spruch: \u201eAlles hat seine Grenzen\u201c. Ich war hier und da mal f\u00fcr einen kurzen Aufenthalt, aber dann gab es immer diesen Moment am K\u00fcchentisch, ab dem keiner mehr gesprochen hat, weil unausgesprochen klar war, was Sache ist. Ab hier ist es vorbei. Dann musste ich mich wieder auf den Weg machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bewertest du diesen Lebensabschnitt im Nachhinein?<\/strong><br>Ich habe all das Negative aus meinem Leben in etwas Positives verwandelt. Jetzt bin ich Anfang 30, ich dachte ich werde keine 30. Ich kann den Rest meines Lebens tun, was ich liebe: Schreiben, Gutes tun f\u00fcr andere, der Stra\u00dfe etwas zur\u00fcckgeben, Menschen zu mehr W\u00fcrde verhelfen und hoffentlich etwas ver\u00e4ndern, eine Stimme sein. Ich werde das weiter machen und bin der Vergangenheit nicht b\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was w\u00fcnscht du dir f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><br>Auf jeden Fall Ver\u00e4nderung. Wir haben drei wichtige Themen f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte. Zum einen Klimaschutz. Wir m\u00fcssen dem Klimawandel entgegenwirken und ihn im besten Fall abbremsen. Dann die soziale Gleichberechtigung und die Emanzipation f\u00fcr alle. Und letztlich m\u00fcssen wir auch unsere Demokratie wieder aktiv st\u00e4rken. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir diese Aufgaben wirklich angehen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong>Wir d\u00fcrfen nicht mit dem Ist-Zustand zufrieden sein und nicht noch einmal die alten L\u00f6sungen hervorkramen. Wir m\u00fcssen Dinge neu denken und uns transformieren.<\/strong><\/p><cite>Dominik Bloh<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gibt es etwas, was du noch sagen m\u00f6chtest?<\/strong><br>Ja, unbedingt! Ich betreibe ja nicht nur Aktivismus mit Herz und Blut, sondern bin auch &nbsp;Autor. Ich teile die Liebe zur Kultur, wie viele andere K\u00fcnstler*innen auch. Zwei Jahre lang konnten die Medien nur schreiben, wie schlecht es der Kulturszene geht. Aber jetzt geht es wieder los und ich w\u00fcrde uns K\u00fcnstler*innen w\u00fcnschen, dass wir Support kriegen. Wir brauchen das gerade. Wir k\u00f6nnen wieder auf die B\u00fchnen. <strong>Wir brauchen Publikum. Wir brauchen die Reichweite von Medien. Es sollte jetzt wieder mehr Platz f\u00fcr Kultur geben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominik Bloh lebte im Alter von 15 bis 26 auf der Stra\u00dfe. 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