{"id":56869,"date":"2022-04-21T12:07:55","date_gmt":"2022-04-21T10:07:55","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2022\/04\/21\/jugend-in-der-donbass-region-das-jahr-2014-hat-mein-leben-komplett-veraendert\/"},"modified":"2022-05-16T16:13:45","modified_gmt":"2022-05-16T14:13:45","slug":"jugend-in-der-donbass-region-das-jahr-2014-hat-mein-leben-komplett-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2022\/04\/21\/jugend-in-der-donbass-region-das-jahr-2014-hat-mein-leben-komplett-veraendert\/","title":{"rendered":"Jugend in der Donbass-Region: &#8222;Das Jahr 2014 hat mein Leben komplett ver\u00e4ndert\u201d"},"content":{"rendered":"\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Seit acht Jahren ist die Region Donbass im Krieg. Im Interview schildert eine junge Ukrainerin ihre Jugend in dem von Russland besetzten Gebiet<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"author\"> Hannah Lettl, funky-Jugendreporterin<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die russische Invasion der Ukraine am 24. Februar l\u00f6ste weltweites Entsetzen aus. Dabei dauert der Krieg im Osten des Landes bereits seit acht Jahren an. Bis vor Kurzem war der Konflikt in der ukrainischen Donbass Region allerdings nur selten Thema in den westlichen Medien. Wie erlebten junge Ukrainer*innen diese Zeit? Und wie geht es ihnen heute? Daria* (19) wurde in Antrazyt in der Donbass-Region geboren und verbrachte einen Gro\u00dfteil ihres Lebens im Donbass. Seit zwei Jahren studiert sie Wirtschaft und Verwaltung in Breslau, Polen. Im Interview erz\u00e4hlt sie von ihrer Kindheit und Jugend in dem Separatistengebiet, dem sogenannten survivor&#8217;s guilt syndrom und den Umst\u00e4nden, die ihre Familie trennen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/IMG_6479-1-581x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-67427\" width=\"277\" height=\"488\" \/><figcaption>Daria studiert seit zwei Jahren in Breslau Wirtschaft und Verwaltung.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie ist die Situation in deiner Heimatstadt gerade?<\/strong><br>Die Region Donbass, in der meine Heimatstadt liegt, wird seit acht Jahren von den Russen besetzt. Da Antrazytan der russischen Grenze liegt, gibt es derzeit keinen Beschuss, Russland nutzt den Donbass, um von dort weiter in die Ukraine vorzur\u00fccken. Derzeit kann niemand die Region verlassen, weil auf der ukrainischen Seite Beschuss droht und auf der anderen Seite die russische Grenze geschlossen ist. Meine Eltern, die dort feststecken, erz\u00e4hlen, dass man in der Stadt keinen einzigen Mann auf der Stra\u00dfe sehen kann. Denn die Polizei zwingt junge M\u00e4nner, zur Armee zu gehen. Sie sammeln M\u00e4nner f\u00fcr die russische Armee, weil sie mehr Leute brauchen. Mein Vater ist 56 Jahre alt und will nicht k\u00e4mpfen, er w\u00fcrde sich lieber selbst erschie\u00dfen. Mein Onkel arbeitet in einem Bergwerk als Ingenieur und er sagt, dass alle Bergleute zur russischen Armee geschickt wurden, um zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie war es, dort aufzuwachsen?<\/strong><br>Alles begann, als ich 11 Jahre alt war. Davor hatte ich ein tolles Leben, ich habe meine Kindheit geliebt. Meine Eltern sind Unternehmer und wir konnten viel reisen. 2013 begann die Revolution in Kiew, die Maidan-Proteste, und im Fr\u00fchjahr 2014 wurde die Krim annektiert. Ein paar Wochen sp\u00e4ter sahen wir eine Menge Waffen- und Panzertransporte, denn die Hauptverkehrsstra\u00dfe aus Russland f\u00fchrt durch meine Stadt. Da viele in der Region nicht mit dem Regierungswechsel in Kiew zufrieden waren, brachen Proteste aus, bei denen der Anschluss der Region an Russland gefordert wurde. In dieser Zeit sahen wir auch viele Russen in unsere Region ziehen, und wenn wir sie fragten, was sie hier tun, sagten sie: \u201eWir sind hierhergekommen, um den russischen Frieden zu unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Mein Vater ist 56 Jahre alt und will nicht k\u00e4mpfen, er w\u00fcrde sich lieber selbst erschie\u00dfen. <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\">Daria<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 11. Mai 2014 gab es ein Referendum \u00fcber den Anschluss an Russland. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit meiner Mutter einen Spaziergang durch die Stadt machte und sie abstimmte. Ich wei\u00df noch genau, wie sie das Kreuz bei \u201eNein\u201c gemacht hat. Es wurde gesagt, die Mehrheit habe f\u00fcr den Anschluss gestimmt, also seien wir jetzt eine Republik. Bis heute ist das Ergebnis der Abstimmung international umstritten. Wahrscheinlich ist es gr\u00f6\u00dftenteils gef\u00e4lscht worden, wie immer in Russland. Kurz darauf fingen die Russen an, die Regierungsstellen zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hat sich der Krieg zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee, der auf das Referendum folgte, auf euer Leben ausgewirkt?<\/strong><br>Ich erinnere mich an den schlimmsten Teil: Wir wollten von Donezk nach Italien in den Urlaub fliegen. Ein paar Wochen vorher hie\u00df es, dass es keine Fl\u00fcge mehr von Donezk aus geben w\u00fcrde, weil der gesamte Flughafen wegen der K\u00e4mpfe um ihn bombardiert wurde. Unser Flug wurde auf Kiew verlegt, also beschlossen wir, mit dem Zug dorthin zu fahren. Als wir morgens am Bahnhof ankamen, waren die Gleise von einem Bombenangriff zerst\u00f6rt und wir mussten in eine andere Stadt um von dort aus einen Zug nach Kiew zu nehmen. Ich erinnere mich, dass unsere Eltern zu mir sagten: \u201eMacht euch keine Sorgen, wir kommen wieder zur\u00fcck, lasst uns die Reise genie\u00dfen.\u201c Aber wir hatten das Gef\u00fchl, dass sie ein bisschen nerv\u00f6s und seltsam waren. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Den ganzen Sommer \u00fcber gab es schwere Gefechte in unserer Heimat und meine Oma, mein Onkel und Tanten sa\u00dfen durchg\u00e4ngig im Keller. <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\">Daria<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich flogen wir nach zwei Wochen im Urlaub wieder zur\u00fcck nach Kiew und am n\u00e4chsten Morgen sollten wir mit dem Zug nach Hause fahren. Als wir dort ankamen, schwiegen unsere Eltern nicht mehr, sie meinten, dass wir alt genug w\u00e4ren, um die Geschehnisse zu verstehen. Sie sagten, es gebe starke Gefechte und regelm\u00e4\u00dfig Kampfflugzeuge am Himmel. Da wir Sommerferien hatten, beschlossen sie, dass wir an das Asowsche Meer fahren und dort abwarten. Nach ein paar Wochen hatte sich die Lage beruhigt und wir kehrten in meine Heimatstadt zur\u00fcck. Aber jeden Tag h\u00f6rte ich Sch\u00fcsse und Explosionen. Als mein Bruder seine Bachelorarbeit in Donezk beendet hatte und aus dem Studentenwohnheim auszog, sagten meine Eltern, er k\u00f6nne nicht mehr hier bleiben, da er sonst in die russische Armee eingezogen werden k\u00f6nnte. Also schickten sie meinen Bruder und mich mit unserer Gro\u00dfmutter wieder an die K\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kamen eure Eltern irgendwann nach?<\/strong><br>Etwa vier Monate waren wir nur bei unserer Oma, dann flohen auch unsere Eltern. Denn die neue \u00f6rtliche Regierung im Donbass begann, die Gesch\u00e4fte und H\u00e4user der Leute zu \u00fcbernehmen. Unser Haus wurde auch fast von ihnen \u00fcbernommen. Den ganzen Sommer \u00fcber gab es schwere Gefechte in unserer Heimat und meine Oma, mein Onkel und Tanten sa\u00dfen durchg\u00e4ngig im Keller. Als sich die K\u00e4mpfe etwas beruhigt hatten, zogen wir wieder zur\u00fcck und lebten dort, bis ich mein Abitur machte. Aber dieses eine Jahr im Jahr 2014 hat mein Leben komplett ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hast du jetzt im Krieg Kontakt mit deinen Eltern?<\/strong><br>Wegen der aktuellen Situation kann ich meine Eltern nicht sehen, denn sie sitzen zu Hause fest und warten auf den ukrainischen Sieg. Mein Bruder ist, seit wir mit meiner Gro\u00dfmutter ans Meer gefahren sind, nicht mehr im Donbass gewesen. Das hei\u00dft, <strong>er war seit acht Jahren nicht mehr zu Hause<\/strong>. Ich wei\u00df nicht, wann ich meine Eltern wiedersehen werde, denn ich kann nicht dorthin fahren, es ist zu gef\u00e4hrlich. Ich hoffe aber, dass ich eines Tages wieder zu ihnen fahren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>W\u00fcrdest du sagen, dass junge Ukrainier*innen politikinteressiert sind? Hat der Konflikt und der Krieg die jungen Menschen politisiert?<\/strong><br>Seit 2013, als die Revolution in Kiew begann, interessieren sich viele junge Menschen stark f\u00fcr Politik, da die Entwicklungen unsere Zukunft beeinflussen. Allerdings nicht alle, denn viele Menschen, deren Familien nicht viel Geld haben, waren der Meinung, als Teil Russlands w\u00fcrde ihr Leben besser werden. Aber das Gegenteil ist passiert, es ist viel schlimmer geworden. Als die Frage aufkam, ob wir ein Teil Russlands werden sollten, waren viele Menschen sehr begeistert, aber mit der Zeit stellte sich auch Entt\u00e4uschung und Ern\u00fcchterung ein. Ein anderer Punkt sind die Dokumente. Viele Leute haben jetzt lokale P\u00e4sse aus der Donbass-Republik, die jedoch nur von Russland anerkannt werden. Sie k\u00f6nnen ohne Probleme nach Russland einreisen, aber an der Grenze zur Ukraine wird der Pass nicht anerkannt. Es ist im Grunde nur ein wertloses St\u00fcck Papier. Einige meiner Freunde k\u00f6nnen aus diesem Grund nicht reisen. Manchmal vergesse ich das und lade sie nach Polen ein, um mich zu besuchen, bis ich merke<strong>, dass sie nur ein Papier statt eines Passes haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du jemals Spannungen zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Klassenkamerad*innen erlebt?<\/strong><br>Oh, ja. Die Leute konfrontieren sich gegenseitig mit unterschiedlichen Standpunkten, beide Seiten versuchen, der jeweils anderen ihre Sichtweise n\u00e4herzubringen. Irgendwann fingen sie jedoch an zu verstehen, dass es unm\u00f6glich ist, jemanden vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen, und haben damit aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie sah deine Schulzeit aus?<\/strong><br>Ich bin auf eine russischsprachige Schule gegangen, weil sie ein h\u00f6heres Sprachniveau in Englisch und Deutsch anbot, aber an allen anderen Schulen in meiner Stadt wurde damals auf Ukrainisch unterrichtet. Als ich 14 Jahre alt war, begann die lokale Regierung, die Lehrpl\u00e4ne zu \u00e4ndern, und f\u00fchrte so etwas wie einen Fahnenappell mit der republikanischen Hymne ein, die die Melodie der russischen Nationalhymne hat, aber mit anderen Worten. Ich erinnere mich, dass ich mich weigerte, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen. Eines Tages kam die Lehrerin zu mir und sagte, dass sie auch gegen all das sei, aber dass wir kontrolliert w\u00fcrden. Sie sagte, wenn ich nicht von der Schule geworfen werden wolle, solle ich erscheinen und wenigstens so tun, als w\u00fcrde ich es akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Wegen der Frontlinie war es sicherer und schneller durch Russland zu fahren statt durch die Ukraine. <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\">Daria<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich besuchte zwei Schulen zur gleichen Zeit. Eine in der Republik, um mit meinen Freunden zusammen zu sein, und eine auf Distanz, um das normale ukrainische Abitur zu machen. In der ukrainischen Schule habe ich nur die Tests und Abschlusspr\u00fcfungen gemacht. Zum Gl\u00fcck haben die liberalen Lehrer in meiner anderen Schule mir oft bei den Aufgaben von der ukrainischen Schule geholfen. Andere h\u00e4tten mir schlechtere Noten gegeben, wenn sie gewusst h\u00e4tten, dass ich gleichzeitig ein Fernstudium absolviere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>War es nicht anstrengend, an zwei Schulen gleichzeitig zu lernen?<\/strong><br>Ja, vor allem am Ende der neunten Klasse. Da hatten wir Abschlusspr\u00fcfungen, nach denen man nicht auf die Universit\u00e4t, aber auf ein College gehen kann. Wir hatten eine Pr\u00fcfung in meiner Heimatschule und gleich am n\u00e4chsten Tag in der ukrainischen Schule, also mussten wir dorthin fahren. Wegen der Frontlinie war es sicherer und schneller durch Russland zu fahren statt durch die Ukraine. Unter anderem wegen der Grenzkontrollen dauerte die Fahrt aber trotzdem zw\u00f6lf bis vierzehn Stunden. Ich erinnere mich daran, wie ich die erste Pr\u00fcfung in meiner Heimatstadt Antrazyt schrieb, nach Hause rannte, ins Auto sprang und 12 Stunden nach Charkiw fuhr. Viele meiner Klassenkamerad*innen taten das gleiche. Danach mussten wir schnell wieder zur\u00fcckfahren, um die n\u00e4chste Pr\u00fcfung in unserer Heimatstadt zu schreiben. Es war ein einziges Gehetze. Eigentlich brauchten wir diese Pr\u00fcfungen in Antrazyt nicht schreiben, denn das Diplom ist nutzlos, aber wir wollten diese Pr\u00fcfungen machen, um noch zwei Jahre l\u00e4nger in der Schule bleiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mit dem Abschluss eurer Schule h\u00e4ttet ihr nicht an die Universit\u00e4t gehen k\u00f6nnen?<\/strong><br>Nur in meiner Region oder in Russland, aber f\u00fcr russische Universit\u00e4ten m\u00fcsste man zus\u00e4tzlich auch noch andere russische Pr\u00fcfungen ablegen. Wenn man die ukrainischen Pr\u00fcfungen nicht abgelegt hat, steckt man einfach fest. Das ist der Grund, warum viele meiner Klassenkameraden im Donbass festsitzen. Die ukrainische Regierung hat allerdings ein Programm gestartet, um den Zugang zu den ukrainischen Universit\u00e4ten zu vereinfachen, denn seit der Besetzung der Ukraine wurde auch der Unterricht ukrainischer Sprache, Literatur und Geschichte drastisch reduziert. Das macht es f\u00fcr die Sch\u00fcler*innen sehr viel schwieriger, an eine ukrainische Universit\u00e4t zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du Freund*innen, die eine prorussische Meinung haben und diese aufgrund der aktuellen Situation ge\u00e4ndert haben?<\/strong><br>Ja. Ich kenne einige Leute, die f\u00fcr Russland waren und ihre Meinung ge\u00e4ndert haben. Auf der anderen Seite habe ich einige Verwandte, die in Russland leben. Als alles begann, riefen sie meine Gro\u00dfmutter an und fragten, ob alles in Ordnung sei. Meine Cousine lebte in Charkiw, einer der ersten St\u00e4dte, in denen geschossen wurde. Sie wohnte ganz in der N\u00e4he des Ortes, an dem die K\u00e4mpfe begannen. Sie war zwei Wochen lang in einem Schutzraum untergebracht, und als meine Gro\u00dfmutter unseren Verwandten in Russland davon erz\u00e4hlte, sagten diese, dass das nicht stimme, weil Russland nicht auf Zivilisten schie\u00dfe. Sie sagten, Russland wolle nur die Ukraine entmilitarisieren und die Regierung auswechseln, weil sie die Ukrainer*innen verraten w\u00fcrden. Sie behaupteten, dass wir alle durch pro-amerikanische und pro-europ\u00e4ische Nachrichten einer Gehirnw\u00e4sche unterzogen werden und dass Russland niemals seine \u201eBr\u00fcder\u201c angreifen w\u00fcrde. Seit Wochen reden wir \u00fcberhaupt nicht mehr mit unseren russischen Verwandten, weil sie glauben, dass alles mit Photoshop bearbeitet wurde. Es ist verr\u00fcckt, dass sie dieser Propaganda glauben statt ihrer eigenen Familie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche Auswirkungen hat die Invasion deiner Meinung nach auf die ukrainische Gesellschaft und Kultur? Russische Musiker*innen und Youtuber waren fr\u00fcher auch in der Ukraine beliebt. Werden sie jetzt boykottiert?<\/strong><br>Auf jeden Fall. Fr\u00fcher haben alle meine Freunde und auch ich gerne russische Musik geh\u00f6rt. Ich bin sogar einigen russischen Influencern gefolgt. Viele von ihnen aber schweigen, was wir ekelhaft finden. Sie profitieren von unseren Klicks, also haben wir aufgeh\u00f6rt, ihre Inhalte zu konsumieren. Der Boykott geht aber noch weiter: Meine Freunde und Verwandten, die in der Ukraine leben und fr\u00fcher Russisch gesprochen haben, wechseln jetzt komplett zum Ukrainischen, weil sie von Russisch so angewidert sind. Au\u00dferdem helfen sich die Ukrainer*innen im Moment gegenseitig so sehr, dass man die Einheit der Nation wirklich sp\u00fcren kann. Meine Cousine musste zum Beispiel aus Charkiw fliehen, weil sie einen Tag vor Kriegsbeginn erfuhr, dass sie schwanger war. Sie ist nach Lviv gegangen, und so viele Menschen helfen ihr, wo sie k\u00f6nnen. Die Situation bringt die Menschen wirklich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was h\u00e4ltst du von den Reaktionen in den sozialen Medien?<\/strong><br>Wenn ich sehe, dass einige meiner ausl\u00e4ndischen Freunde etwas dar\u00fcber posten, freue ich mich, denn das schafft ein Bewusstsein f\u00fcr die derzeitige Lage. Es ist so wichtig, dass die Menschen nicht schweigen, denn das ist 2014 passiert. Die Ukraine ist weltweit Thema, und zum Beispiel hier in Polen kann man die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukrainer \u00fcberall sehen. Selbst wenn man kein Geld spenden kann, hilft es Initiativen zu teilen und nicht aufzuh\u00f6ren, dar\u00fcber zu reden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Ich f\u00fchle mich unglaublich schuldig, dass ich hier in Sicherheit bin und nicht dort bei meiner Familie. <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\">Daria<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich mein Austauschjahr in den USA machte, wurde ich oft gefragt, wo ich herkomme, und wenn ich Ukraine antwortete, wussten viele nicht, wo das liegt. Wenn ich dann sagte, es ist in der N\u00e4he Russlands, nahmen viele direkt an, es sei ein Teil von Russland. Ich habe viele Projekte durchgef\u00fchrt, um den Leuten zu erkl\u00e4ren, woher ich komme. Heutzutage wei\u00df jeder \u00fcber die Ukraine Bescheid. Es ist so sch\u00f6n, sich unterst\u00fctzt zu f\u00fchlen und das Gef\u00fchl zu haben, dass uns jemand den R\u00fccken freih\u00e4lt, selbst wenn es nur in den sozialen Medien ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hat sich dein Alltag seit der Invasion ver\u00e4ndert? Wie f\u00fchlst du dich?<\/strong><br>Jeden Tag bevor ich die Nachrichten \u00f6ffne, hoffe ich zu lesen, dass der Krieg vorbei ist. Der ganze letzte Monat ist so verlaufen. Aber das Leben geht weiter und ich muss studieren. Es f\u00e4llt mir schwer, in den Vorlesungen aufzupassen, wenn mir zum Beispiel meine Cousine eine SMS schickt und mir erz\u00e4hlt, dass in ihrer N\u00e4he etwas explodiert ist. Wie kann ich an meine Pr\u00fcfung denken, w\u00e4hrend sich meine Familie in Bombenkellern versteckt? Ich f\u00fchle mich unglaublich schuldig, dass ich hier in Sicherheit bin und nicht dort bei meiner Familie. In der ersten Woche habe ich alle 10 Minuten meine Eltern angerufen, weil ich so besorgt war. Aber meine Eltern sagten mir, ich solle mit Freunden einen Kaffee trinken gehen, in einen Club gehen \u2013 einfach weiterleben, anstatt meine Zeit mit Sorgen zu verschwenden. Sie sagten, sie h\u00e4tten im Moment nicht die M\u00f6glichkeit, diese Dinge zu tun, und meinten zu mir: \u201eTu es f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie geht es deinen Freund*innen?<\/strong><br>Meine beste Freundin ist aus Charkiw nach Hamburg geflohen. Vor Kurzem rief sie mich an und sagte: \u201eIch bin in Sicherheit, aber ich will einfach nur zur\u00fcck. Ich will zur\u00fcck, weil es mein Zuhause ist. Ich f\u00fchle mich in Deutschland willkommen, aber ich f\u00fchle mich nicht zu Hause.\u201c Sie sagt, dass sie das Gef\u00fchl hat, ihr Leben sei unterbrochen worden und nun m\u00fcsse sie darauf warten, dass es zur\u00fcckkommt. Mittlerweile geht es ihr besser und sie nimmt Sprach- und Yogakurse, um sich abzulenken. Aber diese Schuldgef\u00fchle bringen einen innerlich um. Seelisch leiden wir alle im Moment.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was w\u00fcnscht du dir?<\/strong><br>Ich hatte am 2. M\u00e4rz Geburtstag und dieses Jahr war mir nicht nach Feiern zumute. Aber ich habe die Tradition, mir an diesem Tag etwas zu w\u00fcnschen, und bisher sind alle W\u00fcnsche auch in Erf\u00fcllung gegangen. Dieses Jahr habe ich mir zwei Dinge gew\u00fcnscht: Erstens, dass der Krieg aufh\u00f6rt, und zweitens, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>*Name von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit acht Jahren ist die Region Donbass im Krieg. 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