{"id":56730,"date":"2022-03-24T15:39:23","date_gmt":"2022-03-24T14:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2022\/03\/24\/ukrainische-aktivistin-meine-familie-sind-40-millionen-menschen\/"},"modified":"2022-05-04T13:46:22","modified_gmt":"2022-05-04T11:46:22","slug":"ukrainische-aktivistin-meine-familie-sind-40-millionen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2022\/03\/24\/ukrainische-aktivistin-meine-familie-sind-40-millionen-menschen\/","title":{"rendered":"Ukrainische Aktivistin: &#8222;Meine Familie sind 40 Millionen Menschen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Immer mehr Menschen in Deutschland wollen dem Leid in der Ukraine nicht l\u00e4nger tatenlos zusehen. Sie demonstrieren f\u00fcr den Frieden, sammeln Spenden, nehmen Gefl\u00fcchtete auf. Unter den Helfenden sind auch viele junge Menschen aus der ukrainischen Community. Wir haben mit zwei von ihnen \u00fcber ihre Arbeit und die Erlebnisse der letzten Wochen gesprochen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"author\">Julien Hoffmann, funky-Redakteur <\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit fast einem Monat herrscht Krieg in der Ukraine. Immer gnadenloser geht das russische Milit\u00e4r gegen die Zivilbev\u00f6lkerung vor, bombardiert Krankenh\u00e4user, Wohngeb\u00e4ude und Theater. W\u00e4hrend der Schrecken in der Ukraine Tag f\u00fcr Tag weiter seinen grauenvollen Lauf nimmt, versuchen immer mehr junge Menschen aus der ukrainischen Community in Deutschland, ihre Heimat zu unterst\u00fctzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Lisa Plitkova (25) und Masha Borysenko (20) wollen ihren Beitrag leisten. Beide haben zwischenzeitlich Studium und Beruf aufgegeben, um sich voll und ganz der ehrenamtlichen Arbeit bei der k\u00fcrzlich gegr\u00fcndeten <a href=\"https:\/\/ukr-alliance.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Allianz Ukrainischer Organisationen<\/a> zu widmen. Aktuell konzentriert sich der Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Diaspora- und Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Unterst\u00fctzung ukrainischer Gefl\u00fcchteter in Berlin und organisiert humanit\u00e4re Hilfslieferungen in die Ukraine. Im Interview sprechen Lisa und Masha \u00fcber ihre Arbeit, die strukturellen Probleme in der Debatte \u00fcber den Krieg und warum sie als Ukrainerinnen von den Deutschen manchmal bevormundet werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Seit dem Beginn der russischen Invasion engagiert ihr euch ehrenamtlich in Vollzeit f\u00fcr die Ukraine. Wie sah euer Leben vor dem Krieg aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Ich komme urspr\u00fcnglich aus Odesa. Meine Mutter lebt immer noch dort. Ich habe in Kyjiw Politik studiert und war aktiv an den Maidan-Protesten beteiligt, wo ich dieselbe aktivistische Arbeit gemacht habe wie jetzt auch in Berlin. Seit ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren lebe ich nun in Deutschland, um hier meinen Master in Politikwissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin zu machen. Eigentlich wollte ich nun meine Masterarbeit schreiben, aber das liegt jetzt erst mal auf Eis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Meine Familie kommt gr\u00f6\u00dftenteils aus der ukrainischen Stadt Winnyzja, teils aus Kyjiw, teils aus Dnipro, aber ich wurde in Dresden geboren und bin dort aufgewachsen. Ich habe noch bis vor Kurzem im Marketing gearbeitet und war parallel dazu auch in der Antirassismus-Bewegung aktiv. Meinen Job habe ich nun gek\u00fcndigt, damit ich mich voll und ganz auf die aktivistische Arbeit konzentrieren kann.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir wollen den ukrainischen Gefl\u00fcchteten dabei helfen, in der deutschen Gesellschaft anzukommen.&#8220; <\/p><cite>Masha <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Allianz Ukrainischer Organisationen hat sich erst kurz nach dem Beginn des Kriegs gegr\u00fcndet. Was sind eure Ziele?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Die Allianz ist ein Zusammenschluss aus zehn ukrainischen Organisationen, darunter ist zum Beispiel der Verein <a href=\"https:\/\/www.ukraine-hilfe-berlin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ukraine-Hilfe-Berlin<\/a> oder die <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/vitsche_berlin\/?hl=de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">B\u00fcrgerinitiative Vitsche<\/a>. Eine unserer Hauptaufgaben ist im Moment nat\u00fcrlich die Hilfe f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und die Menschen in der Ukraine. Daf\u00fcr sammeln die einzelnen Organisationen Spenden und organisieren auch selbstst\u00e4ndig den Transport in die Kriegsgebiete. Da bei uns \u00fcberwiegend Menschen aus der Ukraine und der ukrainischen Diaspora arbeiten, haben wir direkte Kontakte ins Land und wissen so immer ganz genau, welche Hilfsg\u00fcter vor Ort gerade dringend ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Wir haben aber auch langfristige Ziele, die \u00fcber den Krieg hinausgehen. Dazu geh\u00f6rt etwa, den ukrainischen Gefl\u00fcchteten dabei zu helfen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Gleichzeitig wollen wir die Menschen in Deutschland mit ukrainischer Kultur vertraut machen. Es geht darum, dass sich beide Seiten besser kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie sieht eure Arbeit gerade konkret aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Wir sind im politischen Fl\u00fcgel der Allianz t\u00e4tig. Das bedeutet, wir erarbeiten unter anderem Forderungen an die Regierung, organisieren Demonstrationen und k\u00fcmmern uns um die Kommunikation mit Politikerinnen und Politikern. Wir stehen zum Beispiel in regem Austausch mit dem Berliner Senat und verschiedenen Parteien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Wir haben auch viele Helfende, die in unterschiedlichen Bereichen t\u00e4tig sind. Ich zum Beispiel bin auch noch in der Hilfe f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und im Krisenmanagement involviert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir erleben eine sehr gro\u00dfe Solidarit\u00e4t der deutschen Zivilbev\u00f6lkerung, wof\u00fcr wir sehr dankbar sind&#8220;<\/p><cite>Masha<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie erlebt ihr momentan die Hilfsbereitschaft in Deutschland gegen\u00fcber den ukrainischen Gefl\u00fcchteten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> W\u00e4hrend der ersten zwei Wochen haben wir die Hilfe f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten ausschlie\u00dflich mit Ehrenamtlichen organisieren k\u00f6nnen. Zum Gl\u00fcck erleben wir eine sehr gro\u00dfe Solidarit\u00e4t der deutschen Zivilbev\u00f6lkerung, wof\u00fcr wir sehr dankbar sind. Leider hat es etwas l\u00e4nger gedauert, bis wir vom Berliner Senat Unterst\u00fctzung bekamen. So hat es anfangs vor allem an Struktur, Schutz, \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten und Unterk\u00fcnften gefehlt. In Berlin kamen mitunter bis zu 10.000 Gefl\u00fcchtete pro Tag an. Und ich wei\u00df nicht, wie wir es in den ersten zwei Wochen ohne die zahlreichen Freiwilligen geschafft h\u00e4tten, die Tag und Nacht geholfen haben, indem sie am Hauptbahnhof Essen verteilten, die Menschen unterst\u00fctzten, Auskunft gaben oder Unterk\u00fcnfte bereitstellten. Inzwischen hat sich die Lage zum Gl\u00fcck verbessert, wir stehen in st\u00e4ndigem Austausch mit dem Senat und arbeiten jetzt auch effektiv zusammen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was f\u00fcr Menschen arbeiten bei euch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Die meisten bei uns stammen aus der ukrainischen Diaspora oder kommen aus der Ukraine. Viele derjenigen, die den Gefl\u00fcchteten helfen, sind sogar selbst Gefl\u00fcchtete. In den ersten zwei Wochen haben wir eine Arbeit geleistet, f\u00fcr die man normalerweise Monate braucht: Wir haben verschiedene Departments aufgebaut, Menschen rekrutiert und ganz unb\u00fcrokratisch Hilfe organisiert. Und das alles komplett ohne finanzielle Hilfsmittel oder professionell daf\u00fcr ausgebildete Menschen! Viele von uns sind ja gar nicht f\u00fcr die Arbeit qualifiziert, die wir gerade machen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Ich finde es wichtig, dass sich beide Seiten besser kennenlernen, mehr \u00fcbereinander herausfinden und zusammen f\u00fcr die gleichen europ\u00e4ischen Werte einstehen.&#8220;<\/p><cite>Lisa<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1E4A6261-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-66900\" width=\"384\" height=\"576\" \/><figcaption>Lisa und Masha haben ihr Studium aufgegeben, um den Menschen in ihrem Heimatland zu helfen. Foto: Olexiy Bardadym<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warum geht der Krieg auch junge Menschen in Deutschland etwas an?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Ich halte es f\u00fcr eine wichtige Aufgabe, dass die Jugend in Deutschland auf die Menschen aus der Ukraine zugeht und ihnen hilft, in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Ich finde es wichtig, dass sich beide Seiten besser kennenlernen, mehr \u00fcbereinander herausfinden und zusammen f\u00fcr die gleichen europ\u00e4ischen Werte einstehen. Man kann so viel voneinander lernen. Sowohl die Deutschen von den Menschen aus der Ukraine als auch umgekehrt. Meine Bitte an die Menschen hierzulande ist: Bitte behandelt die Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine mit Respekt. Denn zum Teil werden sie eure Nachbarn, ihr werdet gemeinsam in die Schule gehen und vielleicht werdet ihr sogar zu Freunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie geht es denn eurer Familie und euren Freunden in der Ukraine?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Wir k\u00f6nnen es uns gerade nicht erlauben, viel an unsere Verwandten und Freunde in der Ukraine zu denken, weil wir sonst vor lauter Angst und Sorge um sie nicht mehr arbeitsf\u00e4hig w\u00e4ren. Ich bin immer sehr traurig, wenn man mich nur zu meiner Familie in der Ukraine befragt, weil meine Familie jetzt nicht nur meine Mutter in Odessa ist, sondern alle 40 Millionen Einwohner*innen des Landes dazugeh\u00f6ren. Ich m\u00f6chte den Fragenden auch nicht immer nur das antworten, was sie h\u00f6ren wollen, n\u00e4mlich dass alles gut ist und meine Mutter gerade in Sicherheit ist. Denn das ist sie einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Ich denke, ich kann f\u00fcr uns alle sprechen, wenn ich sage, dass wir uns unfassbare Sorgen machen. Viele von uns kommen aus St\u00e4dten, die nach den Bombardierungen inzwischen nicht mehr wiederzuerkennen sind. Ich habe Familie und Freunde in der Ukraine, die sich jeden Tag vor Bombenangriffen in Kellern verstecken m\u00fcssen und gar nicht mehr rauskommen k\u00f6nnen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie furchtbar das ist. Einige von ihnen sind auch bereits auf dem Weg nach Deutschland, weil ihre H\u00e4user nicht mehr stehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bei der Demo f\u00fcr Frieden und Solidarit\u00e4t mit den Menschen in der Ukraine gingen in Berlin mehrere Zehntausend Menschen auf die Stra\u00dfe. An der ersten Demo nahmen sogar rund 100.000 Menschen teil. Ihr veranstaltet jedoch eure eigenen Demos. Warum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Leider gab es einige Schwierigkeiten, was die Kommunikation mit den Organisatoren betrifft, unter anderem, weil wir auch Waffenlieferungen fordern. Das wollten sie nicht unterst\u00fctzen und haben daher jeglichen Kontakt zu uns gemieden. Es fand leider auch gar kein richtiger Dialog statt, wir wurden nicht mal gefragt, warum wir das fordern, was wir fordern. Am Ende lief es darauf hinaus, dass sie eine Solidarit\u00e4tsdemo f\u00fcr die Ukraine organisierten, ohne dabei jedoch wirklich mit der ukrainischen Community in Kontakt zu treten. Das finden wir sehr problematisch.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir werden nicht als Subjekt, sondern als Objekt behandelt.&#8220;<\/p><cite>Lisa<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ist das ein strukturelles Problem? F\u00fchlt ihr euch als ukrainische Community in Deutschland bevormundet und marginalisiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Leider sprechen wir hier von tief sitzenden Strukturen, die bereits seit Jahrzehnten existieren. Viele Menschen, mit denen ich in der Vergangenheit gesprochen habe, wussten vor dem Krieg nicht einmal, wo die Ukraine auf der Karte liegt. Ich wurde sogar h\u00e4ufiger gefragt, ob die Ukraine nicht einfach eine Provinz Russlands sei. In Deutschland werden Osteuropa, Zentralasien und der Kaukasus grunds\u00e4tzlich leider immer noch sehr h\u00e4ufig mit Russland gleichgesetzt. Das liegt ganz wesentlich am imperialistischen Machtanspruch Russlands, der auch viel \u00fcber kulturelle Aneignung funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Ein Klassiker ist das Gericht Borschtsch, das viele als Nationalgericht Russlands kennen. Dabei kommt es tats\u00e4chlich urspr\u00fcnglich aus der Ukraine. Das Problem ist, dass diese Formen der \u201eCultural Appropriation\u201c sehr oft unhinterfragt in Deutschland reproduziert werden und dadurch die kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit der vielen osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder unsichtbar gemacht wird. Wir werden nicht als Subjekt, sondern als Objekt behandelt. Und genau das sieht man auch in vielen anderen Kontexten, so eben auch bei der Organisation von Demos, wo \u00fcber uns, aber nicht mit uns geredet wird.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Beim ukrainischen Nationalismus geht es nicht um \u00dcberlegenheit, sondern um Selbstverteidigung.&#8220;<\/p><cite>Masha<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gerade in der linken Szene gibt es viele, die sich mit der nationalen Symbolik der Ukraine schwertun. Was entgegnet ihr Menschen, die euch nationalistische oder gar rechte Tendenzen vorwerfen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Unser Pr\u00e4sident ist j\u00fcdisch. Im ukrainischen Parlament gibt es keinen einzigen Abgeordneten, der eine rechte Partei vertritt \u2013 \u00fcbrigens ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo die AfD bei der letzten Bundestagswahl bekanntlich zehn Prozent der Stimmen erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Wer sich nur ein wenig mit ukrainischer Geschichte besch\u00e4ftigt, merkt schnell, dass sich das Land \u00fcber Jahrhunderte hinweg verteidigen musste, weil es immer wieder von verschiedenen Nationen angegriffen wurde \u2013 auch von Deutschland. Diese Tatsache wird hierzulande leider oft vergessen und im historischen Ged\u00e4chtnis ausgeklammert. Laut offiziellen Sch\u00e4tzungen ermordeten SS und Wehrmacht im Vernichtungskrieg in der Ukraine zwischen 8 und 12 Millionen Menschen. Es ist wichtig, den ukrainischen Nationalismus vor diesem historischen Hintergrund zu verstehen. Anders als bei den Nationalsozialisten geht es beim ukrainischen Nationalismus nicht um \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber anderen V\u00f6lkern, sondern um Selbstverteidigung. Man muss hier differenzieren. Die Ukraine ist keine Kolonialmacht, sondern wehrt sich gegen dem imperialen Machtanspruch Russlands.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In Deutschland argumentieren inzwischen einige, die Ukraine solle einfach kapitulieren, da der Krieg ohnehin nicht zu gewinnen sei.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Das ist Victim-Blaming. Es darf nicht sein, dass die Verantwortung f\u00fcr den Krieg den Opfern \u00fcbertragen wird. Doch genau das passiert leider gerade. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Ukraine wurde von Russland angegriffen. Nicht umgekehrt. Wer hier im sicheren Deutschland fordert, dass unser Land einfach kapitulieren sollte und dass Waffen nicht helfen werden, sollte wirklich einmal in die Ukraine fahren und das den Menschen ins Gesicht sagen, die dort gerade ihre Familien verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Viele in Europa verstehen einfach nicht, dass sie die N\u00e4chsten sind, wenn Russland nicht gestoppt wird. Die Ukraine k\u00e4mpft nicht nur f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr alle anderen europ\u00e4ischen Staaten. Russland f\u00fchrt bereits seit Jahren aktiv Krieg in anderen L\u00e4ndern. Und falls die Ukraine es nicht schaffen sollte, sich mithilfe der restlichen Welt vor der Eroberung zu verteidigen, drohen schreckliche Repressionen. Nicht nur dort, sondern auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Das m\u00fcssen wir mit allen Mitteln verhindern.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wie viel muss noch passieren, damit wir verstehen, dass alle russischen Menschen gerade Verantwortung tragen?&#8220;<\/p><cite>Lisa<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was fordert ihr vor diesem Hintergrund von der Bundesregierung? <\/strong><strong>\u2028<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Wir fordern eine klarere Position gegen\u00fcber Russland. Man muss verstehen: <a href=\"https:\/\/exxpress.at\/diese-umfrage-macht-uns-sorgen-86-der-russen-sind-fuer-angriff-auf-die-eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">85 Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzen diesen Krieg, aktiv und passiv<\/a>. Erst vor ein paar Tagen bejubelten zehntausende Menschen das \u201eJubil\u00e4um\u201c der Krim-Annexion. <a href=\"https:\/\/www.deutschland.de\/de\/news\/scholz-dieser-krieg-ist-putins-krieg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">W\u00e4hrenddessen behauptet Bundeskanzler Scholz noch immer, dies sei \u201ePutins Krieg\u201c.<\/a> In den Medien und Regierungskreisen beobachtet man gerade sehr viel Empathie f\u00fcr die Menschen in Russland. Immer wieder wird betont, dass die Mehrheit unter Putin leide. Dieses Narrativ ist jedoch problematisch, denn wenn mehr als die H\u00e4lfte den Krieg feiert, dann k\u00f6nnen wir nicht st\u00e4ndig unkritisch von \u201eder armen Bev\u00f6lkerung\u201c reden. Den Krieg lediglich mit Putin und der Regierung zu assoziieren, halten wir f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich. Wie viel muss noch passieren, damit wir verstehen, dass alle russischen Menschen gerade Verantwortung tragen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Unsere Aufmerksamkeit sollte weniger der Bev\u00f6lkerung Russlands, sondern vorrangig den Opfern dieses Krieges gelten. Als Allererstes braucht es Verst\u00e4ndnis und Hilfe f\u00fcr die Opfer \u2013 f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, die traumatisiert nach Deutschland kommen, und f\u00fcr Menschen in der Ukraine, die gerade Tag f\u00fcr Tag bombardiert werden. Ein weiteres Problem ist der Menschenhandel an den Grenzen und zunehmende sexuelle Missbr\u00e4uche gegen\u00fcber gefl\u00fcchteten ukrainischen Frauen. Der Fokus muss zuerst auf dieser humanit\u00e4ren Katastrophe liegen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir m\u00fcssen aus der Geschichte lernen. Die Parallele zum Nationalsozialismus ist teilweise frappierend.&#8220;<\/p><cite>Lisa<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ihr argumentiert also f\u00fcr eine kollektive Verantwortung der russischen Bev\u00f6lkerung? Zieht ihr hier den Vergleich zu Nazi-Deutschland?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Wir m\u00fcssen aus der Geschichte lernen. Die Parallele zum Nationalsozialismus ist teilweise frappierend. Nach dem Zweiten Weltkrieg entzogen sich auch viele Deutsche ihrer Verantwortung. Lange herrschte das Narrativ, allein Hitler und die F\u00fchrungsriege seien f\u00fcr all das Leid und den Terror verantwortlich. Auch vom Holocaust wollen viele nach 1945 nichts gewusst haben. Nat\u00fcrlich wissen wir heute, dass das nicht stimmt. Eine sehr \u00e4hnliche Entwicklung sehen wir nun auch in Russland, wo eine Mehrheit den Krieg bef\u00fcrwortet, aber gleichzeitig die eigene Verantwortung dabei abstreitet. Putin f\u00fchrt diesen Krieg jedoch ebenso wenig allein wie damals Hitler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Die starke Empathie mit der russischen Bev\u00f6lkerung erschwert zudem auch die Akzeptanz f\u00fcr Sanktionen und weitere Ma\u00dfnahmen, die den Krieg beenden k\u00f6nnen. Im Gegenteil: Das Mitleid mit Russland f\u00fchrt dazu, dass wir h\u00f6chstwahrscheinlich kein vollst\u00e4ndiges \u00d6l- und Gasembargo umsetzen, wodurch wir am Ende den Krieg jeden Tag mit Millionen von Euro weiterfinanzieren. Wir brauchen deshalb st\u00e4rkere Empathie f\u00fcr all diejenigen, die die Freiheit und die europ\u00e4ischen Werte in der Ukraine verteidigen, und weniger Sympathie f\u00fcr die Menschen, die nun unter Sanktionen leiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Besteht hier nicht eine Gefahr der Pauschalisierung? Viele Russinnen und Russen wollen ja sogar helfen. Wie geht ihr selbst mit dem Thema bei euch um? W\u00e4re es nicht gerade jetzt wichtig, Br\u00fccken zwischen ukrainischen und russischen Menschen zu bauen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Es ist nicht so, dass wir kategorisch jeden Kontakt zu russischen Menschen ablehnen w\u00fcrden. Man muss jedoch verstehen, wie hochgradig sensibel dieses Thema ist. Wir haben es bereits mehrfach erlebt, dass russische Menschen bei uns als Helfer*innen angefangen haben, nur um dann die ohnehin schon traumatisierten Gefl\u00fcchteten als Faschisten zu beschimpfen. Auch in Deutschland gibt es viele, die f\u00fcr Putin sind und der Propaganda glauben. Deswegen m\u00fcssen wir hier sehr vorsichtig sein und Hilfe leider manchmal auch ablehnen. Nat\u00fcrlich gibt es Russinnen und Russen, die es gut meinen und die uns wirklich helfen wollen. Auch bei uns arbeiten ehrenamtlich Menschen aus Russland, und das wertsch\u00e4tzen wir sehr. Sicher k\u00f6nnen wir sp\u00e4ter auch versuchen, auf jeden einzelnen Menschen einzugehen. Aber momentan herrscht einfach ein russisch gef\u00fchrter Krieg mit einer Unterst\u00fctzung von 85 Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung. Die differenziertere Auseinandersetzung und Empathie der russischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber kann f\u00fcr uns erst nach dem Krieg passieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In einem Artikel der \u201eZeit\u201c \u00fcber eure Arbeit wird erw\u00e4hnt, dass eure Handys gehackt wurden. Erlebt ihr seit eurer Gr\u00fcndung auch andere Formen von Angriffen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Leider h\u00f6rt es beim Hacken nicht auf. Wir erleben immer wieder, wie Fremde in unserem Hauptquartier auftauchen und dort Fotos machen. Bei einem unserer Aktivisten wurde vor Kurzem nun sogar eingebrochen. Sie wollten wohl die Botschaft senden: Wir wissen, was du machst, und wir wissen, wo du wohnst. Wir sind bereits mit den Beh\u00f6rden in der Bearbeitung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es geht euch auch um den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Ukraine. K\u00f6nnt ihr erkl\u00e4ren, was ihr genau vorhabt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lisa:<\/strong> Wir haben aktuell keinen Ort, an dem sich die ukrainische Diaspora versammeln kann. Dabei leben allein in Berlin rund 24.000 Ukrainerinnen und Ukrainer. Tendenz steigend. Deshalb arbeiten wir gerade an der Gr\u00fcndung eines Ukrainischen Hauses. Solch ein kulturelles Zentrum, wo Ausstellungen stattfinden k\u00f6nnten und man sich einfach austauschen kann, w\u00e4re extrem wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Masha:<\/strong> Zwar haben wir freundlicherweise vom <a href=\"https:\/\/instytutpileckiego.pl\/en\/berlin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pilecki-Institut<\/a> in Berlin R\u00e4ume zum Arbeiten zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen, doch das ist nat\u00fcrlich keine langfristige L\u00f6sung. Wir m\u00f6chten die Gastfreundschaft nicht ausreizen. Eine eigenst\u00e4ndige Einrichtung w\u00fcrde uns dabei helfen, &nbsp;den interkulturellen Austausch in Zukunft voranzutreiben und daf\u00fcr zu sorgen, dass die Solidarit\u00e4t der Deutschen auch weiterhin bestehen bleibt.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie engagieren sich junge ukrainische Aktivist*innen in Deutschland f\u00fcr ihr Heimatland? 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