{"id":54925,"date":"2021-06-15T12:35:01","date_gmt":"2021-06-15T10:35:01","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2021\/06\/15\/ich-bewege-mich-immer-zwischen-tradition-und-moderne-die-kirche-braucht-etwas-start-up-charakter\/"},"modified":"2021-08-23T15:03:49","modified_gmt":"2021-08-23T13:03:49","slug":"ich-bewege-mich-immer-zwischen-tradition-und-moderne-die-kirche-braucht-etwas-start-up-charakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2021\/06\/15\/ich-bewege-mich-immer-zwischen-tradition-und-moderne-die-kirche-braucht-etwas-start-up-charakter\/","title":{"rendered":"Feministin und Pfarrerin? Kein Problem! Maike Sch\u00f6fer im Interview"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jung zu sein kann an manchen Tagen ganz sch\u00f6n philosophisch werden: Wer bin ich eigentlich? Wer m\u00f6chte ich sein? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Auch wenn man sich diese Fragen vielleicht nicht immer so bewusst stellt, beeinflussen sie doch Jugendliche weltweit. Auf der Suche nach den passenden Antworten spielen Glaube und Religion auch heutzutage noch eine bedeutende Rolle. Wir wollen mehr dar\u00fcber erfahren, wie junge Menschen in Deutschland ihre religi\u00f6se Kultur ausleben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Maike ist 31 Jahre alt und l\u00e4sst sich gerade in Berlin zur Pfarrerin ausbilden. Im Interview erkl\u00e4rt sie, warum es f\u00fcr sie alles andere als ein Widerspruch ist, Christin und Feministin zu sein, und wie sie zum Pfarrberuf kam, obwohl sie als Jugendliche Punk war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bist du zu deinem Glauben gekommen?<\/strong><br>Ich wurde von meinen Eltern getauft und auch konfirmiert, weil man das so in meiner Familie gemacht hat. Aber tats\u00e4chlich spielten Religion, Kirche oder Christentum keine gro\u00dfe Rolle in unserer Familie. Es gab keine Bibel im Haus, wir haben nicht gebetet. Auch die Feiertage konnte ich nicht einordnen. Wir haben nicht dar\u00fcber gesprochen. An Heiligabend gingen wir in die Kirche, aber eher aus Tradition. Ich bin mehr durch Zufall ins Religionsp\u00e4dagogikstudium gestolpert und habe auch erst dann angefangen, mich auf die Suche nach Gott und meinem Glauben zu machen. Da war ich 19 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was bedeutet es f\u00fcr dich, Christin zu sein? W\u00fcrdest du es als Teil deiner Identit\u00e4t verstehen?<\/strong><br>Es hat mir total geholfen, mit 19 Jahren anzufangen, mich mit den gro\u00dfen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Und ich wei\u00df jetzt r\u00fcckblickend, dass das Teil meiner Identit\u00e4t geworden ist. Vielleicht viel mehr als gedacht. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben und Religion an sich \u2013 und ganz speziell nat\u00fcrlich mit dem christlichen Glauben \u2013 hat mich so sehr gepr\u00e4gt, dass ich mich eben auch in diese Richtung hin entwickelt habe. Es ist so sehr Teil meiner Identit\u00e4t geworden, dass ich es immer mit nenne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>W\u00fcrdest du sagen, dass sich dein Leben positiv durch deinen Glauben ver\u00e4ndert hat?<\/strong><br>Mein Glaube war immer irgendwie da. Aber ich musste mich vor meinem Religionsp\u00e4dagogikstudium nie mit dem Christentum besch\u00e4ftigten, weil alle die Feiertage gefeiert haben. Aber es hat mich mit 19 Jahren positiv beeinflusst, weil ich glaube, dass ich mich sonst ganz anders entwickelt h\u00e4tte. Ich glaube, ich habe so jede Peergroup mitgemacht, die es gab: Ich war Gothic, ich war Punk, bin in Popmusik-Clubs gegangen mit pinken Stilettos. Ich habe mich extrem gesucht! Das ist nat\u00fcrlich total typisch f\u00fcr Jugendliche, aber ich wei\u00df nicht, ob ich mich so schnell gefunden h\u00e4tte, wenn ich nicht Religionsp\u00e4dagogik studiert h\u00e4tte. Denn dadurch wurde ich gezwungen, mich mit Fragen zu besch\u00e4ftigen wie: Woher kommen wir eigentlich? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Religion?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> Ich war Gothic, ich war Punk, bin in Popmusik-Clubs gegangen mit pinken Stilettos. Ich habe mich extrem gesucht!<\/p>\n<p><span class=\"quote-author\"> Maike \u00fcber ihren Selbstfindungsprozess <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hattest du manchmal das Gef\u00fchl, im Zwiespalt zu leben, wenn du vor dem Essen gebetet hast und danach mit Freunden feiern gegangen bist?<br><\/strong>R\u00fcckblickend habe ich eigentlich immer in diesem Widerspruch gelebt. Einerseits hatte und habe ich diese ganz tiefe Sehnsucht nach Gott in meinem Leben, so cheesy und fromm das auch klingen mag. Andererseits habe ich mich gesch\u00e4mt, diese Sehnsucht gegen\u00fcber meinen weltlichen oder atheistischen Freund*innen zu kommunizieren. In meiner religi\u00f6sen Praxis und in meinen religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnissen habe ich mich deswegen immer zur\u00fcckgehalten, weil ich Angst hatte, ausgelacht zu werden. Ich wollte nicht als religi\u00f6ser Freak dastehen, nur weil ich beim Spaziergang gerne in die Kirche gegangen w\u00e4re, um kurz zu beten. In meinem religi\u00f6sen christlichen Kontext war ich jedoch immer die, die nicht so reinpasste. Dort war ich immer zu \u201eunfromm\u201c, weil ich nicht aus einem krass christlichen Haushalt und auch aus keiner Pfarrfamilie kam. Ich bin gerne feiern gegangen und habe eine Lederjacke getragen. Das klingt so plump, aber es ist wirklich, wirklich schwierig gewesen! Ich war immer in diesem Zwiespalt und wusste nicht so richtig, wo ich jetzt eigentlich hingeh\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dir fiel es also schwer, deinen Glauben offen in deinen Alltag zu integrieren?<\/strong><br>Ja, und speziell auch in meiner Familie. Wenn es hie\u00df: Wir fahren an Ostern oder Heiligabend mit der ganzen Familie zur Oma, hat mich keiner gefragt, ob ich nicht zuhause lieber in den Gottesdienst gehen w\u00fcrde. F\u00fcr mich ist es ein ganz sch\u00f6ner Kampf gewesen, selbstbewusst zu sagen: Ich komme nicht mit, weil das f\u00fcr mich in erster Linie ein religi\u00f6ses Fest ist und ich das hier feiern will!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie sahen die Reaktionen aus deinem Umfeld aus, als du entschieden hattest, einen Schritt weiterzugehen und Pfarrerin zu werden?<br><\/strong>Tats\u00e4chlich war das nicht so ein krasser Umbruch, weil ich zu diesem Zeitpunkt ja schon Religionslehrerin gewesen bin. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist es immer nur die logische Konsequenz gewesen, dann noch einen Schritt weiterzugehen. F\u00fcr andere aus meinem Umfeld war es trotzdem einfach crazy. Und ich glaube, dass manchen Menschen aus meiner Schule heute die Augen aus dem Kopf fallen w\u00fcrden, wenn die w\u00fcssten, dass ich jetzt Pfarrerin werde. Die denken sich bestimmt: Was ist mit der passiert? Fr\u00fcher noch mit ihrem Anarchie-Rucksack auf dem Schulhof rumgelaufen und jetzt will sie Pfarrerin werden? Also ich glaube, einige waren \u00fcberrascht oder irritiert, aber es gab andererseits auch viel R\u00fcckendwind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auf <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/ja.und.amen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instagram<\/a> steht in deiner Bio nicht nur, dass du Pfarrerin wirst, sondern auch, dass du Feministin bist. F\u00fcr mich klingt das wie ein Widerspruch: Wenn ich an das Christentum denke, f\u00e4llt mir zuerst die Bibel ein, welche in der Vergangenheit als Beweis f\u00fcr die Unterlegenheit der Frau gegen\u00fcber dem Mann herangezogen wurde. Zudem sind die allermeisten Kirchenoberh\u00e4upter m\u00e4nnlich. Und Maria, eine der wenigen weiblichen Heiligen, wird nur f\u00fcr ihre Rolle als Mutter verehrt. Deswegen finde ich auf den ersten Blick wenig \u00dcberschneidungen zwischen den Werten, die Feminist*innen und Christ*innen vertreten. F\u00fcr dich scheint sich beides jedoch nicht auszuschlie\u00dfen. Warum?<\/strong><br>Zuerst einmal w\u00fcrde ich sagen, dass mein Glaube mich zur Feministin macht. Und der zweite Punkt ist, dass die Kirche von M\u00e4nnern und nicht von Gott gemacht wurde. Auch die Bibel wurde gr\u00f6\u00dftenteils von M\u00e4nnern geschrieben, verfasst, redigiert, verbessert, \u00fcbersetzt und gepredigt. Es waren also nur M\u00e4nner im Spiel! Und deswegen ist Kirche auch patriarchal. Es w\u00e4re gelogen, wenn ich das Gegenteil behaupten w\u00fcrde. Ich glaube, man kann da schon Parallelen zur Gesellschaft erkennen: Glaube, Religion oder Gott an sich sind nicht antifeministisch, sondern wurden antifeministisch gemacht. Und mit der Religion wurde ein weiteres Instrument gefunden, um Frauen weiterhin zu unterdr\u00fccken und in diesem System zu bleiben. Deswegen kann ich es vollkommen nachvollziehen, dass es diese Irritation gibt. Selbst in meinem Studium habe ich nichts von feministischer Theologie geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> Die Kirche wurde von M\u00e4nnern und nicht von Gott gemacht.<\/p>\n<p><span class=\"quote-author\"> Maike \u00fcber die Vereinbarkeit von Christentum und Feminismus <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch in meiner Diplomarbeit habe ich geschrieben: Ich benutze das generische Maskulinum f\u00fcr die einfachere Lesbarkeit. Erst nach meinem Studium, als ich als Religionslehrerin arbeitete, habe ich von humanistischer Theologie erfahren und war \u00fcberrascht, dass es das an den Universit\u00e4ten schon so lange gibt. Es wird allerdings immer noch stiefm\u00fctterlich behandelt. Denn: Wir leben immer noch im Patriachat. Es braucht einfach viele Menschen, die sich f\u00fcr die feministischen Anliegen einsetzen. Viele patriarchale Stellen in der Bibel wurden sp\u00e4ter erst hinzugef\u00fcgt. Es wurde zum Beispiel aus einer Frau einfach ein Mann gemacht, weil es keine Apostelin geben sollte. So wurde aus der Apostelin Junia einfach der Apostel Junia gemacht \u2013 von den M\u00e4nnern, die die \u00dcbersetzung geschrieben haben. Heute wissen wir jedoch aus der historisch-kritischen Bibelwissenschaft, dass es diesen M\u00e4nnernamen \u201eJunia\u201c zu dieser Zeit nicht gegeben hat. Das ist nur ein Beweis daf\u00fcr, wie M\u00e4nner Religion, Christentum und vor allem Kirche gedeutet und weitergegeben haben. Deswegen schlie\u00dft sich das f\u00fcr mich nicht gegenseitig aus, weil ich wei\u00df, dass viel der Deutung zuzuschreiben ist. Und es ist auch total wichtig, sich dem Thema queer feministisch oder mit einer befreiungstheologischen Perspektive anzun\u00e4hern. Kirche und Christentum wurden nicht nur immer von M\u00e4nnern gedacht und gemacht, sondern waren auch immer nur wei\u00df und eurozentrisch. Die Kirchen in Europa denken, sie h\u00e4tten die Deutungshoheit \u00fcber die Bibel. Das ist ein gro\u00dfes Problem. Schon lange gibt es befreiungstheologische Ans\u00e4tze aus Afrika und S\u00fcdamerika. Und die feministische Theologie ist der einzige theologische Ansatz, der all das vereint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kannst du ein Beispiel nennen, wie es bei dir aussehen w\u00fcrde, wenn du Feminismus in deiner Gemeindearbeit integrierst?<\/strong><br>Ein Beispiel w\u00e4re die Sprache. Wir sprechen immer von Gott als der Herr, der Herrscher, der Sch\u00f6pfer, der Vater. Aber es gibt ganz viele andere Bilder von Gott, die eben nicht nur m\u00e4nnlich sind. Zum Beispiel wurde der Begriff vom \u201eHeiligen Geist\u201c falsch \u00fcbersetzt. Das m\u00fcsste eigentlich die \u201eHeilige Geistkraft\u201c hei\u00dfen. Das hebr\u00e4ische Ursprungswort ist n\u00e4mlich weiblich. Es gibt ganz viele Elemente und Perspektiven, die einfach immer ignoriert und ausgeblendet worden sind. Deswegen fange ich vor allem bei der Sprache an. Ich wechsele die Pronomen bei Gott ganz bewusst, um mich immer selbst daran zu erinnern, dass wir Gott nicht m\u00e4nnlich denken, weil Gott keine Person ist, sondern dar\u00fcber hinausgeht. Und wenn wir Gott nur m\u00e4nnlich denken, verfestigt sich leider ein Bild, eine Vorstellung, die Gott einfach nicht gerecht wird. Und das ist noch nicht einmal besonders feministisch, sondern einfach nur, um Gott gerecht werden. Aber das sehen viele anders.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> In erster Linie sehe ich mich als Pfarrerin nat\u00fcrlich im Dienst f\u00fcr Gott und die Menschen.<\/p>\n<p><span class=\"quote-author\"> Maike \u00fcber ihre Position in der Gemeinde <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn es f\u00fcr dich kein Widerspruch ist, hast du in deiner Gemeinde oder auch in deiner Ausbildung oder deinem Studium Widerstand gegen\u00fcber deiner Einstellung erlebt?<\/strong><br>Aus meiner Gemeinde kann ich keine Beispiele geben, denn aufgrund von Corona hat bisher kaum Austausch stattgefunden. So haben wir noch nicht die Gelegenheit gehabt, auf tiefer theologischer Ebene miteinander zu sprechen. Aber nat\u00fcrlich kennen sie meine Sprache und mein Auftreten aus meinen Predigten und meinen Gebeten und da habe ich bisher noch keine negativen Reaktionen bekommen. Ich gehe aber auch anders in die Gemeinde, als ich auf Instagram auftrete. Als Pfarrerin verstehe ich mich im ersten Moment als verantwortlich f\u00fcr die Gemeindemitglieder. Und deswegen, glaube ich, ist es wichtig, sich im ersten Moment zur\u00fcckzustellen und weniger progressiv unterwegs zu sein und die Menschen erst einmal mit offenen Armen zu empfangen und zu sagen: Ich bin f\u00fcr dich da, um dich auf deinem Glaubensweg zu begleiten. Aber wenn ich gefragt werde und es einen Anlass gibt, dann haue ich auch gerne einen raus. Doch in erster Linie sehe ich mich als Pfarrerin nat\u00fcrlich im Dienst f\u00fcr Gott und die Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kannst du Kirche noch kritisieren, obwohl du f\u00fcr sie arbeitest?<br><\/strong>Ja, und das finde ich auch total wichtig. Es w\u00e4re nicht gut, wenn das nicht so w\u00e4re. Und so verstehe ich auch unsere evangelische protestantische Kirche: dass wir miteinander streiten, uns aneinander reiben und uns auch gegenseitig kritisieren d\u00fcrfen. Ich glaube, das ist wahnsinnig wichtig. So ist ja auch die evangelische Kirche entstanden: aus dem Reiben, aus dem Streiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wie ist das f\u00fcr dich, in so einer alten, traditionellen Institution wie der Kirche zu arbeiten und gleichzeitig moderne, progressive Werte zu leben und zu vertreten?<\/strong><br>Ich glaube, ich lebe immer so ein bisschen in diesem Widerspruch. Ich bewege mich immer zwischen Tradition und Moderne. Und ich finde Traditionen an sich auch \u00fcberhaupt nicht schlimm. Tats\u00e4chlich bin ich sehr konservativ und traditionell, wenn es um Gottesdienste geht. Und das finde ich auch gut. Das ist auch ein feministisches Bestreben, dass Menschen selbst entscheiden k\u00f6nnen und in ihrem Weg, ihrem Gang, ihrer Haltung und ihrer Meinung selbst erm\u00e4chtigt werden. Ja, ich finde den klassischen Gottesdienst wunderbar! Und witzigerweise erwarten Leute, wenn sie mich von Instagram kennen und mich im Gottesdienst besuchen, dass dann Konfetti von der Kanzel fliegt, es eine Lichtshow und krasse Musik gibt oder ein Gospelchor hervorgesprungen kommt und wir alle mit lauten Hallelujas hinausrennen. Aber das ist bei mir zum Beispiel nicht so, weil ich den klassischen Gottesdienst absolut cool finde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das hei\u00dft, du hast als Feministin nicht das Gef\u00fchl, dass sich Kirche von Grund auf \u00e4ndern muss?<\/strong><br>Nein, so w\u00fcrde ich das nicht sagen. F\u00fcr mich ist die Substanz nat\u00fcrlich Sprache und die muss sich ver\u00e4ndern. Und trotzdem glaube ich, dass wir genug Platz f\u00fcr verschiedene Formen haben sollten. Es gibt viele Menschen, die wahnsinnig Lust haben, Gottesdienste auch mal anders zu machen. Gleichzeitig sehe ich einfach auch den gro\u00dfen Schatz, in der Tradition zu stehen und Gottesdienste genauso zu feiern, wie das Menschen vor mir gemacht haben. F\u00fcr mich ist der Gottesdienst eben auch kein Konzert oder eine Veranstaltung, wo ich Werbung mache, sondern f\u00fcr mich ist Gottesdienst eine spirituelle, religi\u00f6se Veranstaltung, wo wir in der Gemeinschaft zu Gott beten, Gott anklagen, Gott loben. Es gibt aber auch andere Punkte, an denen die Kirche sich ver\u00e4ndern darf und kann. Ich glaube, die Kirche sollte flexibler und schneller in ihren Reaktionen werden. Ich w\u00fcnsche mir ein bisschen Start up-Charakter, also dass die Kirche mehr ausprobiert. Und das darf auch mal schiefgehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was war denn f\u00fcr dich der Ausl\u00f6ser, um deinen Instagramkanal zu starten?<\/strong><br>Also einmal, weil ich mich selbst in der Kirche nicht wohlgef\u00fchlt habe. Ich bin mal in die Gemeinde gegangen und da waren immer nur alte Menschen. Niemand war so wie ich. Und es war langweilig. Trotzdem hat mich das so begeistert und interessiert, dass ich dabeigeblieben bin. Ich habe dann angefangen als Religionslehrerin zu arbeiten, weil ich einerseits gemerkt habe, es gibt viele Vorurteile gegen\u00fcber Christ*innen und der Kirche, und andererseits gab es keine Menschen, auf die ich sonst h\u00e4tte h\u00f6ren k\u00f6nnen. Es gab so wenig christliche, evangelische, katholische junge Menschen, die medial pr\u00e4sent waren. Ich hatte nie jemanden, nie so eine Person, die mich dahingehend inspiriert hat. Alles, was Kirche eigentlich macht, ist so akademisch verhaftet. Man muss sich sehr gut auskennen, damit man etwas verstehen kann. Das war der Grund, warum ich als Religionslehrerin damals mit Instagram angefangen habe. Ich mache nichts Neues, ich breche das eigentlich nur runter. Und im Zuge dessen habe ich viel Kontakt zu jungen Pfarr*innen bekommen und dann habe ich gemerkt: Wow. Es gibt andere Menschen, die denken genau wie ich und ich kann das auch. Das hat mir so einen Antrieb verliehen und mich so befl\u00fcgelt, dass ich das gerne an Menschen weitergeben m\u00f6chte, die sich vielleicht \u00e4hnlich gef\u00fchlt haben wie ich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/funky.de\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/200106_FUNKY_Instagram-AD_800x200-1024x256.jpg\" alt=\"funky Instagram Banner\" class=\"wp-image-50909\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Und wie sehen die Reaktionen auf deine Posts aus? Gibt es viel positives Feedback oder eher Kritik?<\/strong><br>Beides. Also einmal bekomme ich positives Feedback, best\u00e4rkendes Feedback. Andererseits, und das ist auch nicht wenig, bekomme ich wahnsinnig viel Hass. Jeden Tag kommen eigentlich Hassnachrichten \u2013 und das aus den eigenen Reihen, also von anderen Christ*innen. Ich bekomme jeden Tag Nachrichten wie \u201eDu bist die S\u00fcnde\u201c, \u201eDu bist der Teufel\u201c oder \u201eDas stimmt alles gar nicht. Du brichst und biegst dir die Bibel zurecht, wie du es gerne h\u00e4ttest. Du passt die Bibel der Moderne an.\u201c Aber das ist einfach grundlegend falsch, weil all die Konzepte von Christentum und Kirche und Leben und Lebensgestaltung, die sie im Kopf haben, einfach Konstrukte der Moderne sind. Ich wei\u00df auch, dass meine Posts gescreenshoted und in WhatsApp-Gruppen verschickt werden. Und dann sind es pl\u00f6tzlich mehrere Leute auf einmal, die mir ihre Bibelstellen um die Ohren hauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hat dich das mal an deiner \u00dcberzeugung oder deinem Glauben zweifeln lassen?<\/strong><br>Es hat mich nie zweifeln lassen. Aber es erschwert mir die Arbeit, einfach, weil es mich nat\u00fcrlich trifft. Wenn es noch so ganz absurde Sachen sind wie \u201eDu bist der Teufel\u201c, dann kann ich das blockieren und l\u00f6schen und das beeintr\u00e4chtigt mich nicht weiter. Aber am Ende macht es die Masse. Und was mich besonders trifft, ist, wenn das gar nicht so sehr fundamentalistische Kreise sind, sondern konservative Christ*innen, die mir Selbstdarstellung unterstellen und sagen, was man als Christ*in nicht d\u00fcrfe und dass ich dem Pfarramt und allen anderen Pfarrer*innen schaden w\u00fcrde, wenn ich mich mit kurzem Top und ohne BH zeige. Das trifft mich viel mehr und viel h\u00e4rter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maike erz\u00e4hlt, wieso sie Christin und Feministin zugleich ist, und wie sie zum Pfarrberuf kam, obwohl sie als Jugendliche Punk war.<\/p>\n","protected":false},"author":84,"featured_media":55442,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[451,69],"tags":[352,746,341,230],"class_list":["post-54925","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-insta","category-wie-wir-leben","tag-feminismus","tag-glaube","tag-kirche","tag-religion"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Feministin und Pfarrerin? Kein Problem! 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