{"id":53359,"date":"2021-09-01T07:03:00","date_gmt":"2020-10-28T11:03:54","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2020\/10\/28\/inside-hogwarts-eindruecke-einer-austauschstudentin-aus-cambridge\/"},"modified":"2021-09-23T16:14:48","modified_gmt":"2021-09-23T14:14:48","slug":"inside-hogwarts-eindruecke-einer-austauschstudentin-aus-cambridge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2021\/09\/01\/inside-hogwarts-eindruecke-einer-austauschstudentin-aus-cambridge\/","title":{"rendered":"Inside Hogwarts: Mein Jahr in Cambridge"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"teaser\">Tamina macht trotz Corona mit dem Erasmus-Programm zwei Auslandssemester an der englischen University of Cambridge. Was sie dabei alles erlebt, dar\u00fcber berichtet sie in ihrer Kolumne. <\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Teil 12: Von Sherry nippenden Studenten in schwarzen Roben, Stechkahnfahrten und einem abrupten Abschied<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Easter Term schritt weiter voran und wurde immer besser. Mehr und mehr Beschr\u00e4nkungen wurden gelockert und somit konnten Ende Mai auch wieder Formal Halls stattfinden und die collegeeigenen Stechk\u00e4hne, genannt \u201ePunts\u201c, waren wieder gratis f\u00fcr die Studenten aus Clare verf\u00fcgbar.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Tamina-Cambridge-2-767x1024.jpg\" alt=\"Stechkahnfahren mit Freunden.\" class=\"wp-image-63012\" width=\"301\" height=\"402\"\/><figcaption>Stechkahnfahren mit Freunden.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Formal Halls sind im Prinzip die edle Variante des Abendessen in der Mensa und f\u00fcr mich der Inbegriff von \u201eOxbridge\u201c. Wo sonst kann man wie Harry Potter in Hogwarts speisen? Fast alle Colleges besitzen aufgrund ihres Alters einen gro\u00dfen, ehrw\u00fcrdigen, meist holzvert\u00e4felten Saal, die \u201eHall\u201c. Fr\u00fcher mussten die schwarzen Roben, die \u201eGowns\u201c, auch in Seminaren oder Vorlesungen getragen werden \u2013 heute sind die meist nicht mal mehr bei diesem besonderen Dinner Pflicht, viele Studenten tragen sie jedoch trotzdem. Es ist schon ein sehr besonderes Gef\u00fchl, das einen ergreift, wenn man mit der Robe durch die Stadt oder auch nur durch das College l\u00e4uft. Einerseits f\u00fchlt es sich ein bisschen wie eine Verkleidung an \u2013 besonders f\u00fcr jemanden, der keine Schuluniform gew\u00f6hnt ist. Andererseits macht es Spa\u00df, sich so einer alten Tradition einmal hinzugeben und es macht so ein Abendessen auch zu etwas sehr Besonderem.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mehr Cambridge geht nicht: Formal Hall im College<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im College sind die Formal Halls nach Studienlevel unterteilt: Von montags bis donnerstags finden die Abendessen f\u00fcr die Undergrads statt und freitags und Samstag f\u00fcr die Postgrads. Als Masterstudentin geh\u00f6rte ich zu letzteren und besuchte mein erstes Formal mit meiner amerikanischen Zimmernachbarin Katherine. Clare hat zwar einen wundersch\u00f6nen, ehrw\u00fcrdigen Saal \u2013 aber der wurde nat\u00fcrlich genau in dem Jahr renoviert, in dem ich hier war. Angeblich musste einem Studenten erst ein \u00d6lgem\u00e4lde fast auf den Kopf fallen, damit der Saal auf Renovierungsbedarf gepr\u00fcft wurde. Statt in der Great Hall fanden die Essen nun in einem kleineren Raum im \u00e4ltesten Geb\u00e4ude des Colleges statt. F\u00fcr g\u00fcnstige 13 Pfund gab es drei G\u00e4nge und zwei Flaschen Wein pro Tisch mit maximal sechs Personen. Das Essen war f\u00fcr britische Verh\u00e4ltnisse recht gut gew\u00fcrzt und tats\u00e4chlich schmackhaft. (Das Vorurteil, die Briten k\u00f6nnen nicht kochen, stimmt leider doch in vielen F\u00e4llen, wenn auch Ausnahmen die Regel best\u00e4tigen.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor Beginn des Dinners ging es auf einen Sherry in die Bar der Postgrads \u2013 englischer wird es nicht mehr, dachte ich. Zum Gl\u00fcck war die Stimmung, trotz Sherry, nicht versnobt, sondern heiter. Die meisten Studenten am\u00fcsierten sich \u00fcber sich selbst, wie sie so in schwarzer Robe an einem Sherry-Glas nippten und \u00fcber ihre aktuelle Recherche sprachen. Es war ein interessanter Mix von Neu und Alt: hippe Hauptstadtfrisuren, Tattoos, Piercings, bunte, teilweise abgedrehte Klamotten \u2013 wie sie vor einigen Jahren noch nicht in dieser Umgebung m\u00f6glich gewesen w\u00e4ren \u2013 und dazu die schwarzen Gowns, die Ledersofas, der Sherry, die kleinen, verzinnten Buntglasfenster. Das Essen wurde h\u00fcbsch angerichtet, auf gro\u00dfen Tellern, von fein angezogenen Kellnern serviert. Die Tische waren mit dem collegeeigenen Tafelsilber eingedeckt. Kerzen sorgten f\u00fcr eine gem\u00fctliche Stimmung \u2013 so gut es eben in diesem \u201eErsatzraum\u201c ging. In der Great Hall sitzen alle an einer langen Tafel. Jetzt wurden wir den Regeln entsprechend an Tischen zu sechst gesetzt, Katherine und ich kannten unsere Tischnachbarn nicht. Das erwies sich allerdings nicht als Problem, alle waren auf neue Leute aus, so schien es. Es wurde ein heiterer Abend mit interessanten Gespr\u00e4chen. Nach dem Essen ging es noch auf ein Getr\u00e4nk zur\u00fcck in die benachbarte Bar, bevor Katherine und ich den R\u00fcckweg \u00fcber die collegeeigene Br\u00fccke \u00fcber die Cam zu unserem Wohnheim antraten. So f\u00fchlt sich also die sch\u00f6ne Seite eines Cambridge-Studiums an.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Am sch\u00f6nsten erkundet sich Cambridge vom Wasser aus<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den sonnigen April hatte leider ein verregneter Mai gefolgt, doch die hartgesottenen Engl\u00e4nder sa\u00dfen trotzdem im Biergarten oder in einem der Stechk\u00e4hne \u2013 dann jeweils eben mit Regenschirm. Mein erster Versuch im Stechkahn fahren fand dann leider auch bei gro\u00dfartig englischem Wetter statt: Im Zickzack stakte ich mit einer Freundin den Fluss erst hinunter und dann wieder hinauf. Was bei den gef\u00fchrten Touren so kinderleicht aussieht, stellt sich in Wirklichkeit doch schwerer heraus: Man muss aufpassen, dass der Stab nicht im Modder stecken bleibt oder man selbst nicht an einer Br\u00fccke h\u00e4ngen bleibt \u2013 beides w\u00fcrde nass im Wasser enden. Wir blieben zwar nicht trocken, aber das war zum Gl\u00fcck nur dem Regen und der nassen Stange geschuldet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Tamina-Cambridge-3-769x1024.jpg\" alt=\"Tamina mit Katherine in Roben\" class=\"wp-image-63011\" width=\"326\" height=\"434\"\/><figcaption>Formal mit Katherine!<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Punting, wie das Stechkahn fahren hier genannt wird, ist vermutlich die sch\u00f6nste Freizeitbesch\u00e4ftigung in der Stadt. Vom Wasser aus hat man einen tollen Blick in die anderen Colleges und deren G\u00e4rten. Gerade jetzt, wo es nicht m\u00f6glich ist, sich einfach andere Colleges anzugucken, weil die Porter einen abweisen, ist es die beste M\u00f6glichkeit zum Sightseeing. Und so wurde Punting zu meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigung. Nach drei Touren durch die Innenstadt wagte ich mich mit ein paar Freunden sogar nach Grantchester. Fast zwei Stunden dauerte der Hinweg, der jedoch sch\u00f6ner nicht sein konnte: Sobald man die Stadt mit ihren sandsteinfarbenen Colleges verl\u00e4sst, taucht man in eine liebliche Landschaft mit Schafweiden und Auen ein. Vom Wasser aus hat man das Gef\u00fchl, direkt in unbebaute Natur einzutauchen, sobald man den Mill Pond verlassen hat \u2013 denn die Ufer sind Naturschutzgebiet und die Bebauung hinter B\u00e4umen und Wiesen nicht zu erkennen. In den Meadows von Grantchester angekommen genossen wir ein kleines Picknick, bevor wir uns aufgrund von Zeitmangel wieder auf den R\u00fcckweg machen mussten. Das Wetter war gro\u00dfartig Anfang Juni und viele Studenten badeten in dem flachen, schlammigen Fluss. So eine ausgelassene, fr\u00f6hliche Stimmung hatte ich im letzten Jahr wirklich vermisst. Aber jetzt war sie endlich zur\u00fcck \u2013 und mit ihr kam nun endlich das Gef\u00fchl, angekommen zu sein. Es f\u00fchlte sich endlich ein wenig nach Erasmus an, wie es sonst sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Und auf einmal war alles wieder vorbei<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl das letzte Term genauso lang war wie die zwei zuvor, verging es gef\u00fchlt dreimal so schnell. Wie schnell die Zeit vergehen kann, war mir bewusst \u2013 also versuchte ich aus jedem Tag das Maximale herauszuholen. Dreiviertel meines Erasmus-Jahres hatte ich im Lockdown, in meinem Zimmer verbracht. Jetzt wollte ich all das nachholen, das ich zuvor verpasst hatte. Ich machte \u201eTo See\u201c-Listen, arbeitete jeden Tag in einem anderen Cafe, erkundete neue Stadtviertel und Pubs, machte Ausfl\u00fcge in die Umgebung, veranstaltete Picknicks mit Freunden. Alle paar Tage fand nun eine Abschiedsfeier statt. Die Erasmus-Studenten verlie\u00dfen nach und nach die Stadt. Ich wollte bis Juli bleiben, jede Minute auskosten, die ich in dieser sch\u00f6nen Stadt haben kann. Trotzdem war es schwer, immer im Hinterkopf zu haben: Sehe ich diese Person jetzt vielleicht zum letzten Mal? Habe ich das letzte Mal hier einen Kaffee getrunken? Die Stimmung war gemischt: Einerseits freuten wir uns \u00fcber die sch\u00f6ne Zeit, die wir hatten. Andererseits waren wir traurig, dass unsere Gruppe bald in ganz Europa verstreut sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Tamina-Cambridge-4-768x1024.jpg\" alt=\"Tamina in schwarzer Studienrobe auf dem Rasen vor dem College.\" class=\"wp-image-63010\" width=\"345\" height=\"461\"\/><figcaption>Tamina vor dem College.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende des Terms fand dann auch das sportliche Highlight in Cambridge statt: Die Regatta. Mein College war das einzige, das drei Frauenmannschaften f\u00fcr die Novices stellte. Jeden Tag gab es ein Rennen gegen ein Team eines anderen Colleges. Insgesamt schnitten wir sehr gut ab und konnten einige Rennen gewinnen. Am sch\u00f6nsten war jedoch das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, das so ein Turnier vermittelt. Am letzten Tag der Regatta gab es dann zum kr\u00f6nenden Abschluss das Boat Club Dinner: Und aufgrund der Corona-Ma\u00dfnahmen gab es Pizza unter einem gro\u00dfen Zelt im Hof, anstelle eines feinen Drei-G\u00e4nge-Men\u00fcs in edler Abendgaderobe in der Great Hall. Die Veranstaltung an sich konnte trotzdem nicht mehr \u201eCambridge\u201c aus allen Poren schreien: Die Captains, Coaches und Mitglieder des Committee trugen Blazer in den Farben des Clubs, die je nach Rang gestaltet waren. Es gab Reden von jedem der \u00fcber sechs verschiedenen Teams und schlie\u00dflich auch noch anonym eingereichte Anekdoten aus dem letzten Jahr. &nbsp;Es sollte einer der sch\u00f6nsten Abende in Cambridge werden. Danach konnte ich verstehen, wie sehr Sport Menschen zusammenbringen kann. Es ist wirklich schade, dass es eine solche Clubkultur nicht in Berlin gibt \u2013 ich werde das und das Rudern vermissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und obwohl ich Tag ein Tag aus im Mai und Juni unterwegs gewesen war, hatte ich nicht das Gef\u00fchl, bereit zu sein, Cambridge wieder zu verlassen, als der Juli n\u00e4her r\u00fcckte. Noch so viel mehr zu sehen, zu machen, zu erleben, dachte ich. Doch dann machte mir Corona erneut einen Strich durch die Rechnung und lie\u00df mich die letzten beiden Wochen in Cambridge nicht drau\u00dfen im Punt, sondern fiebrig und krank im Bett verbringen. Einen h\u00e4rteren Schnitt h\u00e4tte es vermutlich nicht geben k\u00f6nnen. Im Taxi zum Bahnhof fuhr ich ein letztes Mal an dem Panorama der \u201eBacks\u201c vorbei, die Chapel des King\u2019s College im Hintergrund. Es f\u00fchlte sich nicht an wie ein \u201eGoodbye\u201c. Es war eher ein \u201esee you later\u201c. Bis bald, Cambridge.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Teil 11: Die sportliche Seite eines Cambridge-Studiums<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann war es auf einmal Fr\u00fchling. Er brachte nicht nur Sonne, sondern auch Lockerungen und damit eine freundlichere Stimmung, Freizeitaktivit\u00e4ten und M\u00f6glichkeiten zum Kennenlernen und Unternehmen mit sich. Bisher kannte ich in Cambridge nur die akademische Seite des Studiums: Kurze, sehr stressreiche Terms, w\u00f6chentliche Essays, manchmal entspannte, h\u00e4ufig verh\u00f6r\u00e4hnliche Supervisions und das Gef\u00fchl, immer noch mehr gemacht haben zu m\u00fcssen. Statt meines bisherigen Tagesablaufs \u2013 bestehend aus 8 Uhr aufstehen, Sport, Fr\u00fchst\u00fcck, 9 Uhr an den Schreibtisch, 13 Uhr kurze Mittagspause, weiter arbeiten bis 18 Uhr, danach etwas Freizeit in Gestalt von Skype oder Netflix, Abendessen und schlafen \u2013 hatte ich nun kein Projekt mehr zu erledigen, kein Essay mehr zu schreiben, keine Supervision mehr vorzubereiten, kein Seminar mehr, f\u00fcr das ich Texte bearbeiten musste. Ich war frei. Ein Blick auf meinen Kalender verriet mir, dass ich nur noch zwei Monate in Cambridge hatte, denn mittlerweile war es fast Mai. Panik stieg in mir auf. So viel was ich noch machen wollte und aus verschiedenen Gr\u00fcnden bisher noch nicht konnte! Das musste sich \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Freizeit statt Schreibtisch \u2013 und jetzt?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in Cambridge studiert, wird viel von der sogenannte \u201eCambridge experience\u201c h\u00f6ren. Ich wei\u00df bis heute nicht genau, was genau das jetzt sein soll, aber was f\u00fcr mich dazu geh\u00f6rt, sind sogenannte \u201eFormal Halls\u201c im College, Socities und Supervisions. Letzteres hatte ich bereits 12-mal erleben und daher erfolgreich abhaken k\u00f6nnen. Blieben noch die \u201eangenehmen\u201c Dinge. In meiner bisherigen Zeit in Cambridge hatte ich mehr Essays geschrieben als Leute kennengelernt. Und das fiel mir besonders auf, als ich keine Essays mehr zu schreiben hatte. Also beschloss ich, neuen Socities beizutreten und entdeckte zum ersten Mal in meinem Leben Mannschaftssport f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Sportmuffel zum Fr\u00fchaufsteher: Cambridge machts m\u00f6glich<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich hatte ich mich zum Rudern schon im ersten Term angemeldet. Aufgrund des Lockdowns, der Anfang November einsetzte, war jedoch kein Training bis April m\u00f6glich gewesen. Rudern ist \u201etypisch Cambridge\u201c und auf jeden Fall Teil der bereits erw\u00e4hnten \u201eCambridge-Erfahrung\u201c: Jedes College hat seinen eigenen Club und normalerweise wird das ganze Jahr trotz Wind und Regen auf dem Wasser trainiert. Am Ende des zweiten und dritten Terms finden dann die \u201eBumps\u201c statt: Rennen, in denen die Achterboote gegeneinander antreten und versuchen, die vorderen Boote zu rammen und damit zu disqualifizieren. Normalerweise ist das eines der gr\u00f6\u00dften Highlights in einem Cambridge-Jahr. Doch aufgrund von Corona konnte kaum Training stattfinden. Deswegen wurden die \u201eBumps\u201c auch abgesagt. Stattdessen wird es im Juni eine Regatta geben \u2013 das erste Mal in der Geschichte der Uni. Daf\u00fcr wurde jetzt so oft es ging trainiert. In meinem College hatten sich \u00fcber 40 Studentinnen f\u00fcr die Anf\u00e4ngerboote, genannt Novices, gemeldet. Ich meldete mich f\u00fcr zwei bis drei \u201eOutings\u201c pro Woche an. \u201eOutings\u201c sind Trainingseinheiten auf dem Wasser in den typischen Achterbooten. Fr\u00fch am Morgen oder nachmittags ging es nun jeweils zwei Stunden aufs Wasser. Und erstaunlich schnell stellten sich Verbesserungen ein: W\u00e4hrend ich am Anfang noch Probleme hatte, mir die einzelnen Bewegungen zu merken, waren wir als Team schon bald synchroner.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Tamina-Cambrisge-6-1024x768.jpg\" alt=\"Taminas Ruderteam in Neoprenanz\u00fcgen\" class=\"wp-image-63014\" width=\"503\" height=\"375\"\/><figcaption>Das Ruderteam in Montur<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rudern ist nat\u00fcrlich anstrengend \u2013 aber es macht auch unglaublich viel Spa\u00df, besonders in so einer sch\u00f6nen Stadt wie Cambridge. Denn obwohl man mit Sprints und \u00dcbungen durch die Coaches besch\u00e4ftigt wird, hat man in den Pausen zur Erholung oder beim leichten Paddeln tolle Ausblicke auf den Fluss und die gr\u00fcnen Parks und Weiden drumherum. Cambridge ist wirklich herrlich gr\u00fcn und viele nutzen die Fl\u00e4chen zum Picknicken, Lesen und Sonnen, sobald ein Sonnenstrahl sich blicken l\u00e4sst. Der, wie ich finde, anstrengendste Teil des Rudertrainings folgt jedoch an Land, wenn wir \u2013 v\u00f6llig fertig von den Sprints \u2013 das schwere, lange Boot wieder ins Bootshaus tragen m\u00fcssen. Das saugt einem das letzte bisschen Kraft.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Freizeitclubs und Sportarten sind vielseitig und g\u00fcnstig \u2013 dank Finanzierung durch die Uni<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und obwohl das Rudern nat\u00fcrlich k\u00f6rperlich anstrengend ist, hat es daf\u00fcr gesorgt, dass ich mich im College endlich angekommen f\u00fchle. Fast jedes Mal lerne ich andere Studentinnen kennen, die mit mir im Boot sitzen. Auf dem Weg zur\u00fcck zum College hat man immer schnell ein Thema, \u00fcber das man sich unterhalten kann: Rudern. Und schlie\u00dflich veranstaltet der Boat Club sogenannte Socials, also Kennenlernabende, zum Beispeil im Pub. Nach wenigen Wochen im Ruderclub vergeht kein Tag, an dem ich nicht durch das College laufe und jemanden gr\u00fc\u00dfe, auf einen Schwatz stehen bleibe. Vorher wirkte der graue, riesige Geb\u00e4udekomplex wie eine anonyme Mietskaserne in Berlin. Jetzt ist es mein Zuhause geworden. Eigentlich h\u00e4tte die internatsartige Atmosph\u00e4re der Colleges daf\u00fcr sorgen sollen, dass sich die neuen Studenten schnell einfinden k\u00f6nnen. Aber aufgrund der Beschr\u00e4nkungen durch Corona konnten gemeinsame Abendessen in der Great Hall (genannt Formal Halls), Welfare Teas (Teerunden mit gratis Geb\u00e4ck) oder Freizeitclubs, genannt Societies, nicht stattfinden. Man war mehr oder weniger in seinem Zimmer eingepfercht, mit einer winzigen K\u00fcche, ohne Freizeitaktivit\u00e4ten oder irgendeinen anderen Ausgleich, aber mit dem gleichen akademischen Stress.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem Rudern meldete ich mich ebenfalls beim Cambridge University Riding Club und beim CU Polo Club an. Letzteres kann man wohl nur in England so einfach machen. Polo spielen ist eigentlich ein extrem teurer Sport. Aber da in Cambridge alles durch die Uni oder die Colleges querfinanziert wird, sind die meisten Sportarten wie Rudern kostenlos und Polo oder Reiten kosten nur ein paar Pfund. Sobald man es einmal nach Cambridge geschafft hat, kann man sich ganz leicht wie ein Angeh\u00f6riger der Aristokratie f\u00fchlen\u2026 Ob das die \u201eCambridge experience\u201c ist?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Teil 10: Schon wieder Quarant\u00e4ne, schon wieder Stress<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund der Einreisebeschr\u00e4nkungen musste ich mich schon wieder in Quarant\u00e4ne begeben, als ich nach Ostern zur\u00fcck in das Vereinigte K\u00f6nigreich einreiste. Diesmal entschied ich mich jedoch, meine Qual durch das \u201eTest to Release\u201c Programm um f\u00fcnf Tage zu verk\u00fcrzen und einen PCR-Test am 5. Tag zu machen. Ich hatte auf sch\u00f6n englisches Wetter mit Regen gehofft, damit ich ohne \u201eFear of Missing Out\u201c, kurz FOMO, an meiner letzten Hausarbeit in Cambridge arbeiten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zu den bisherigen Essays, die hier geschrieben habe, war meine Abschlussarbeit f\u00fcr das Mastermodul deutlich anspruchsvoller \u2013 und gleichzeitig gab es keine Supervisions oder sonstige Hilfen, die mir die Recherche oder meine Argumentation vereinfacht h\u00e4tten. Als ich in meinem Zimmer im College wieder ankam, wartete auf mich ein riesiger Stapel dicker B\u00fccher, ein Laptop und eine Deadline, die mir jede Minute im Nacken sa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Note to myself: Prokrastinieren funktioniert auch in der Quarant\u00e4ne (leider)<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bisher hatte ich mich gerne kopf\u00fcber in die Arbeit gest\u00fcrzt und viel Herzblut in meine Recherchen und Essays gegeben. Und auch wenn das Thema, britische und franz\u00f6sische Rivalit\u00e4ten in den pazifischen Inseln im 19. Jahrhundert, sehr interessant war \u2013 so war doch irgendwie die Luft bei mir aus. Ich war absolut genervt davon, eingesperrt zu werden, Unsummen an Geld f\u00fcr Tests zu bezahlen und meine Zeit in immer dem gleichen Zimmer zu verschwenden. Dementsprechend schleppend lief dann auch meine Recherche an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mithilfe von t\u00e4glichen Workouts \u00fcber Zoom und Videotelefonaten mit Freunden zuhause versuchte ich mir meine mentale und physische Gesundheit in der erneuten Isolationshaft aufrechtzuerhalten. In Cambridge hatte ich immer wieder das Gef\u00fchl, zu schlecht, zu langsam zu sein und zu wenig zu leisten \u2013 ein Gef\u00fchl, dass hier tats\u00e4chlich jede und jeder hat und von den Studierenden als \u201eimposter syndrome\u201c \u2013 das Hochstaplersyndrom \u2013 bezeichnet wird. Auch ich fragte mich mehrmals, wenn ich wieder an einem Kapitel verzweifelte, was genau ich hier eigentlich tue.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was mache ich hier eigentlich?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Obwohl ich nach dem sechsten Tag die Quarant\u00e4ne verlassen konnte, verbrachte ich doch die meiste Zeit in meinem Zimmer an meinem Schreibtisch. Denn die Bibliotheken stellten nur wenige Arbeitspl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung und waren permanent ausgebucht. Vermutlich h\u00e4tte ich mir einen Wecker stellen m\u00fcssen in der Nacht, wenn die neuen Pl\u00e4tze f\u00fcr die n\u00e4chste Woche freigeschaltet wurden \u2013 aber das war mir dann doch zu doof. Also sa\u00df ich Tag ein, Tag aus an meinem unbequemen Schreibtisch im Jugendherberge-Stil und w\u00e4lzte B\u00fccher zu Tahiti, Neukaledonien oder Fidschi. Auch wenn mein Master breit gef\u00e4chert ist, so hatte ich mich noch nie mit den pazifischen Inseln in meinem Geschichtsstudium besch\u00e4ftigt. Daher musste ich nicht nur jeden zweiten Namen nachschlagen, um sicherzugehen, dass ich Inseln nicht mit Personen verwechsle, sondern musste mich auch noch selbstst\u00e4ndig in franz\u00f6sische Kolonialgeschichte einarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Tamina-Cambridge-5-771x1024.jpg\" alt=\"Ein Spaziergang \u00fcber die L\u00e4ndereien.\" class=\"wp-image-63009\" width=\"346\" height=\"460\"\/><figcaption>Lockdown activities: Spazieren gehen mit K\u00fchen.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich das Thema ausgesucht hatte, hatte ich mich gefreut, etwas ganz neues, eine kleine Herausforderung anzutreten. Mein Ich drei Monate sp\u00e4ter bereute die Entscheidung allerdings: Nach einem Jahr online studieren hatte ich genug vom immer alleine im Zimmer sitzen, lesen, Notizen schreiben, innere Monologe f\u00fchren. Normalerweise w\u00fcrde man sich f\u00fcr die Recherche in kleinen Gruppen treffen, Themen gemeinsam durcharbeiten und diskutieren. Nur noch zwei Tage, die Uhr tickte. Ich war schon v\u00f6llig im Verzug mit meinem Zeitplan, hatte noch keinen Essayplan und noch kein Wort von den f\u00e4lligen 4000 geschrieben. Der Stress l\u00f6ste schlie\u00dflich doch noch Motivation aus \u2013 gutes Pferd springt knapp, sagt man doch. Und zwei Nachtschichten sp\u00e4ter hatte ich pl\u00f6tzlich die Menge an W\u00f6rtern auf digitalem Papier, die gebraucht wurden. Und Lesen konnte man das zum Gl\u00fcck auch irgendwie.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gutes Pferd springt knapp<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kam der gro\u00dfe Tag der Abgabe. F\u00fcr mich war dieses lange Essay wie eine hei\u00dfe Kartoffel: ich wollte es schnell loswerden. Wenn man an einem Text so lange gearbeitet hat, solange geschraubt, verbessert hat, verzweifelt ist, dann will man ihn einfach nur noch loswerden und abschicken. Ich konnte mich gerade noch aufraffen, um ihn noch einmal zu lesen \u2013 und dann schickte ich die E-Mail an meinen Dozenten ab. Kurz verschnaufte ich an meinem Schreibtisch. Was tun mit der neuen Freiheit? Eine Woche zuvor, kurz nach meiner Ankunft, wurden weitere Lockerungen in England vollzogen: Gesch\u00e4fte hatten wieder offen, die Gastronomie durfte drau\u00dfen wieder den Betrieb aufnehmen. Zur Feier des Tages ging ich in den n\u00e4chsten Pub mit Terrasse am Wasser und trank einen Cider. Lasset die sch\u00f6nen Tage beginnen! Jetzt konnte endlich der sch\u00f6ne Teil meines Erasmus-Jahrs starten, bitte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil 9: Endlich Fr\u00fchling in Cambridge<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tamina_Erasmus4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61064\"\/><figcaption><em>Vor dem \u00e4ltesten College in Cambridge namens Peterhouse bl\u00fchten Ende M\u00e4rz schon die Kirschen.<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die acht Wochen des zweiten Terms verstrichen wieder wie im Flug. Ende M\u00e4rz konnte ich kaum glauben, dass das Semester schon wieder vorbei war. Wie viel doch in acht Wochen passieren kann! Erst die Ank\u00fcndigung des dritten nationalen Lockdowns in England, dann das Verbot meiner R\u00fcckkehr nach Cambridge, und schlie\u00dflich der ganze Stress mit meinen Kursen und Lehrenden an der Gastuniversit\u00e4t, die das Prinzip von Erasmus nicht verstanden zu haben schienen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichtsdestotrotz habe ich nicht bereut, in diesem Jahr Erasmus in England gemacht zu haben. Durch die vielen Brexit- und Corona-bedingten Unannehmlichkeiten habe ich zwangsl\u00e4ufig lernen m\u00fcssen, mich selbst gut zu organisieren und mit dem Gef\u00fchl zurecht zu kommen, unerw\u00fcnscht zu sein, sich trotzdem durchsetzen zu k\u00f6nnen und schlussendlich trotz allem weiterzumachen. Die online Lehre in Cambridge war zudem deutlich besser umgesetzt als in Berlin. Und das Supervision-System ist einfach unglaublich gut, um in neue Themen schnell und tief einzutauchen und anregende Diskussionen zu f\u00fchren. In zwei Terms habe ich mehr akademischen Austausch erlebt als in vier Jahren Studium in Berlin. Der ganze Stress lohnt sich also.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tamina_Erasmus5.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61065\" width=\"362\" height=\"482\"\/><figcaption><em>Die vermutlich am st\u00e4rksten frequentierteste Spazierstrecke in Cambridge &#8211; die Grantchester Meadows<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Picknick bei 14 Grad? In England normal<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P\u00fcnktlich zum Ende des Terms begann der Fr\u00fchling in Cambridge. Bei 14 Grad und Sonne-Wolken-Mix trafen sich die zur\u00fcckgekehrten Studierenden entlang der Cam auf den Wiesen und picknickten. Nicht wenige gingen sogar in der Cam baden \u2013 die spinnen, die Engl\u00e4nder. \ud83d\ude09 Obwohl nur wenige meiner Mitbewohner ins College zur\u00fcckgekehrt waren, hatten wir eine nette Gemeinschaft. Es wurden neue Brettspiele oder Rezepte getestet und zweiw\u00f6chentlich gab es einen Filmabend f\u00fcr alle Geschichtsstudis des Clare College. Auch wenn die College-Erfahrung wohl deutlich ausgepr\u00e4gter ohne Corona gewesen w\u00e4re, so bin ich froh, wenigstens einen Teil davon mitbekommen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch ein paar andere Erasmus-Studierende waren nach Cambridge zur\u00fcckgekehrt. Unsere Whatsapp-Gruppe erwies sich nun als Segen: Verteilt \u00fcber die ganze Stadt in verschiedenen Colleges w\u00e4re es vermutlich sonst unm\u00f6glich, sich zu verabreden.&nbsp; Inspiriert von den Einheimischen verabredeten wir uns zu einem Picknick in den Grantchester Meadows, einer Auenlandschaft und beliebtem Spazierweg zwischen Cambridge und dem gem\u00fctlichen Dorf Grantchester. In der Sonne lie\u00df es sich trotz 14 Grad gut aushalten. Das Gras leuchtete gr\u00fcn, die ersten Knospen und Bl\u00fcten waren zu erkennen und Krokusse und Osterglocken bl\u00fchten so weit das Auge reichte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tamina_Erasmus6.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61066\" width=\"409\" height=\"308\"\/><figcaption><em>Nach der Quarant\u00e4ne und dem Ende des Lent Term war endlich wieder Zeit, sich mit Freunden zu ausgelassenen Spazierg\u00e4ngen zu verabreden.<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Manchmal muss es eben Gl\u00fcck sein<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich war es allen Studierenden verboten worden, \u00fcber die Osterferien das College zu verlassen und nach Hause zu fahren. Aufgrund der niedrigen Fallzahlen und der gut laufenden Impfkampagne in England wurde diese Regel jedoch fallen gelassen. Es wurde uns erlaubt, das College \u00fcber die Ferien zu verlassen und nach Ostern wieder dorthin zur\u00fcckzukehren. Angesichts des sonst herrschenden Reiseverbots f\u00fcr das United Kingdom nutzte ich diese Chance, um meinen Freund in Polen besuchen fahren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als h\u00e4tte Polen nur so auf meine Ankunft damit gewartet, wurde nat\u00fcrlich kurz vor meiner Einreise ein Lockdown im Land verh\u00e4ngt. Trotzdem wurden es zwei entspannte Wochen, in denen ich neue Kraft f\u00fcr mein letztes Term in Cambridge und mein letztes langes Essay tanken konnte, welches mir nun noch zwei Wochen im Nacken sitzen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil 8: Zur\u00fcck auf die Insel<\/strong> &#8230;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In England ist es Gang und gebe, direkt nach den A-Levels, dem britischen \u00c4quivalent zum Abitur, ein Studium zu beginnen. Aus diesem Grund haben (fast) alle Bachelor-Studierende noch ein Kinderzimmer bei ihren Eltern, in das sie nun zur\u00fcckkehren konnten, nachdem der dritte Lockdown in England eine R\u00fcckkehr ans College verhinderte. Ich hatte eine solche M\u00f6glichkeit nicht. Zum einen bin ich eine Masterstundentin und wohne daher schon einige Jahre in meiner eigenen Wohnung, zum anderen hatte ich mein WG-Zimmer f\u00fcr das gesamte Jahr untervermietet. Aus diesem Grund beantragte ich eine au\u00dferordentliche R\u00fcckkehr in mein Zimmer in Cambridge. Mitte Februar wurde mir daf\u00fcr schlie\u00dflich eine positive Antwort \u00fcbermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits freute ich mich auf die R\u00fcckkehr nach England, denn dort empfand ich die Mentalit\u00e4t und Stimmung der Menschen nicht nur als angenehmer und hoffte, dass mir die Motivation und Konzentration auf mein Auslandsstudium vor Ort leichter fallen w\u00fcrde. Au\u00dferdem wollte ich so viel Zeit wie m\u00f6glich in meinem Lieblingsland verbringen. Denn aufgrund des Brexits wird das Studieren und Arbeiten in Gro\u00dfbritannien zuk\u00fcnftig nicht mehr so einfach m\u00f6glich sein. Andererseits hatte ich mich wieder in Berlin eingelebt und mich an das Zusammenleben mit meinem Freund gew\u00f6hnt, weswegen mir der Abschied dann doch schwer fiel. Zus\u00e4tzlich ist Reisen in Pandemiezeiten unglaublich anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u2026 und ab in die Quarant\u00e4ne<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor man nach England einreisen darf, muss man einen negativen PCR-Test machen, zwei weitere Tests f\u00fcr ganze 210 Britische Pfund buchen, ellenlange online-Formulare ausf\u00fcllen und sich schlie\u00dflich nach der Ankunft f\u00fcr zehn Tage in Quarant\u00e4ne begeben. Obwohl ich alle Dokumente beisammenhatte, war die R\u00fcckreise nach England \u00e4u\u00dferst stressreich.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tamina_Erasmus.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61059\" width=\"329\" height=\"438\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits am Flughafen herrschte Chaos \u2013 und das obwohl der BER g\u00e4hnend leer war. An vier Schaltern tummelten sich die Flugg\u00e4ste meines Fluges. Und nicht alle schienen so gut vorbereitet: Es gab Tr\u00e4nen bei vielen jungen Passagieren, die scheinbar nicht ausreichende Nachweise vorweisen konnten. Nach dem Sicherheitscheck am Gate gab es immer wieder neue Ansagen, Dokumente wurden wieder und wieder gepr\u00fcft. Irgendwann sa\u00df ich im Flieger. Und sp\u00e4t in der Nacht erreichte ich dann v\u00f6llig fertig nach mehreren Stunden Reisezeit mein College.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor der Quarant\u00e4ne hatte ich mich sehr gegruselt. Bisher konnte ich diese immer durch einen Test umgehen. Zehn Tage nicht rausd\u00fcrfen? Das klang f\u00fcr mich nur schwer aushaltbar. Von meinem Mitbewohner Luc wusste ich, dass das Essen in der Quarant\u00e4ne fast nur aus Dosensuppen besteht. Ich liebe Kochen und frisches Essen. Dosenessen ist daher f\u00fcr mich ein absoluter Graus. Doch am Ende sollte es gar nicht so schlimm werden, wie zun\u00e4chst angenommen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Uni-Stress half durch die Quarant\u00e4ne<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt Dosenessen gab es vorgekochtes und portionsweise eingefrorenes Essen aus der Buttery, der College-Mensa. Das war tats\u00e4chlich genie\u00dfbar. Und die Tage vergingen dank des hohen Arbeitsaufwands f\u00fcr meine drei Kurse wie im Flug. Ich gew\u00f6hnte mir einen gut strukturierten Tagesablauf an, um nicht in meinen vier W\u00e4nden durchzudrehen: Fr\u00fch aufstehen, Yoga oder Sport machen, fr\u00fchst\u00fccken, erste Vorlesungen anschauen, danach zwei Aufs\u00e4tze lesen, Mittag essen, Notizen f\u00fcr mein Essay schreiben, nachmittags sich zu den Zoom-Meetings schalten, Abendessen und britische Serien zur Belohnung f\u00fcr den \u00fcberstandenen Tag und gegen das \u201eFernweh\u201c nach drau\u00dfen gucken.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Unbenannt3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61061\" width=\"414\" height=\"551\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Uni-Stress half mir durch die zehn Tage. W\u00e4hrend ich zu Beginn des Terms das Gef\u00fchl hatte, als Erasmus-Studentin in den neuen Kursen unerw\u00fcnscht zu sein und daf\u00fcr k\u00e4mpfen musste, eine Pr\u00fcfung schreiben zu d\u00fcrfen, ging nun alles viel leichter. Meine neue Supervisorin war deutlich netter und verst\u00e4ndnisvoller, die Themen f\u00fcr die Essays aktuell und spannend und unsere Diskussionen in den Supervisions wieder auf Augenh\u00f6he. Endlich konnte ich wieder ansatzweise so studieren, wie es in Cambridge gedacht ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann waren die zehn Tage Quarant\u00e4ne auch schon wieder vorbei. An meinem ersten Tag in Freiheit machte ich einen langen, zweist\u00fcndigen Spaziergang durch Cambridge. Nicht einmal der Nieselregen konnte mir meine gute Laune vermiesen. Jeden darauffolgenden Tag nutzte ich, um mich drau\u00dfen mit Freunden auf einen Kaffee zu treffen oder allein neue Ecken in der Stadt zu erkunden. Es war ein ganz neues Gef\u00fchl der Freiheit und der Dankbarkeit \u00fcber eben diese.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tamina_Erasmus3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61060\" width=\"329\" height=\"439\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Boris Exit-Plan: Licht am Ende des Corona-Tunnels<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich gab der Exit-Plan der britischen Regierung Hoffnung: Anders als in Deutschland, wo der Lockdown nur weiter endlos verl\u00e4ngert wurde, war in England Land in Sicht. Alle f\u00fcnf Wochen w\u00fcrden weitere \u00d6ffnungen erfolgen. Zuerst Ende M\u00e4rz die Wiederaufnahme von Outdoor-Sport in Socities und die Erlaubnis, sich mit sechs Personen drau\u00dfen treffen zu d\u00fcrfen. Mitte April sollen unteranderem alle Gesch\u00e4fte, Friseure und Bibliotheken erneut ge\u00f6ffnet und auch die Pubs und Restaurants sollen dann drau\u00dfen wieder Essen und Trinken servieren d\u00fcrfen. Im Mai sollen dann internationale Reisen wieder erlaubt und Ende Juni schlie\u00dflich alle Ma\u00dfnahmen fallen gelassen werden. Das machte Hoffnung auf ein Ende dieses Spuks, der nun schon seit \u00fcber einem Jahr weltweit herrscht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Teil 7: <strong>\u00dcber die Herausforderung, zuhause im Ausland zu studieren (II)<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich pers\u00f6nlich hat das online-Studium keine gro\u00dfen Vorteile. Meiner Meinung nach sind Diskussion und Austausch die wichtigsten G\u00fcter in einem Seminar. Und obwohl die Umsetzung bei den meisten meiner Kurse in Cambridge sehr gut und deutlich besser als in Berlin gewesen ist, waren die meisten Zoom-Meetings eher austauscharm. Sich selbst die ganze Zeit im Meeting zu sehen, das Gef\u00fchl, von anderen permanent beobachtet zu werden, kein netter Smalltalk im Flur vor dem Raum \u2013 diese Eigenschaften der Online-Lehre machen das Studium distanziert und reservierter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Term hatte ich wenigstens das Gl\u00fcck, dass meine Supervisions, wie die kurzen Feedbackgespr\u00e4che mit Lehrenden genannt werden, analog stattfanden. Einmal pro Woche konnte ich dort mit einem jungen, engagierten Dozenten \u00fcber mein w\u00f6chentliches Essay diskutieren. Meistens gab es kurze, interessante und vor allem pers\u00f6nliche Lektionen zu Themen und Fragen, die in den Vorlesungen oder in der Recherche zum Essay unbeantwortet blieben. Jetzt fiel sogar dieser w\u00f6chentliche Lichtblick weg. Alles fand online statt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Erasmus ohne Erasmus-Erfahrung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend es bei Vorlesungen praktisch sein kann, wenn diese vorher aufgezeichnet und dann hochgeladen werden, ist es mindestens genauso verlockend, diese immer wieder vor sich herzuschieben. Im Wintersemester mangelte es mir zu Beginn sehr an Motivation. Ich hatte das Gef\u00fchl, nur die Nachteile eines Studiums in Cambridge erfahren zu d\u00fcrfen: Stress, das Gef\u00fchl nie genug Zeit f\u00fcr eine Aufgabe zu haben, Nachtschichten, keine Wochenenden. Ich konnte keine anderen Studierenden kennenlernen und meine neue Supervisorin, die auch meine Director of Studies ist, schien ebenfalls genervt und \u00fcberarbeitet und hatte nicht wirklich Zeit oder Interesse an unseren Meetings. Nach zwei Wochen teilte sie mir deswegen jemand anderen zu. Mein Gl\u00fcck, wie sich sp\u00e4ter herausstellte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Immer nur arbeiten? Das kann nicht gesund sein<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich gab es immer wieder Probleme mit dem WLAN oder mit B\u00fcchern von den w\u00f6chentlichen Reading Lists, die ich von Deutschland aus nicht runterladen konnte. Zwar gab es einige Titel in den Berliner Bibliotheken, diese hatten aber entweder nur beschr\u00e4nkt offen oder ihre Ausgabe dauerte zu lange f\u00fcr meine w\u00f6chentlich wechselnden Themen. W\u00e4hrend ich im ersten Term Freude an der Herausforderung des Studiums in Cambridge hatte, war ich nun zun\u00e4chst nur genervt. Das sollte also jetzt mein Leben sein? Immer nur arbeiten von fr\u00fch bis sp\u00e4t und keinerlei M\u00f6glichkeit zur Zerstreuung, weil alles geschlossen hat und die Freunde sich in ihren Wohnungen verstecken? Das kann doch nicht gesund sein.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wintersport zuhause? Sehr gerne!<\/h4>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Unbenannt.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-61056\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch irgendwie schaffte ich es, mich den neuen Herausforderungen anzupassen, meine Essays fristgerecht einzureichen, meine Kurse vor- und nachzubereiten. Einen kleinen Lichtblick und Ablenkung brachte der pl\u00f6tzliche Wintereinfall im Februar: F\u00fcr zwei Wochen konnte ich Winterurlaub zuhause machen, mit Rodeln und Schlittschuhlaufen! Das war herrlich. Und dringend ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitte Februar kam dann eine E-Mail meines Colleges. Ich hatte vor Beginn des Wintersemesters einen Antrag auf R\u00fcckkehr aufgrund besonderer Umst\u00e4nde gestellt. In Berlin konnte ich nur bis zum 20. Februar bleiben, danach w\u00fcrde mein Freund selbst sein Erasmus-Semester in Polen antreten und sein Zimmer untervermieten. Somit h\u00e4tte ich erneut keinen Platz zum Arbeiten mehr gehabt, nachdem die eigentliche Bewohnerin meines zwischenzeitlichen Arbeitsplatzes auch zur\u00fcckgekehrt war. Nach langem hin und her wurde mein Antrag dann aber doch genehmigt. Und so durfte ich Ende Februar dann \u2013 mit gemischten Gef\u00fchlen \u2013 zur\u00fcck nach England reisen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil 6: \u00dcber die Herausforderung, zuhause im Ausland zu studieren <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich Anfang Dezember f\u00fcr die Feiertage aus England zur\u00fcck nach Hause fuhr, verlie\u00df ich ein Land in Aufbruchstimmung: Pubs, Restaurants, Museen und Bibliotheken waren ge\u00f6ffnet, Menschen sa\u00dfen drinnen bei einem Pint zusammen und waren froh, endlich wieder soziale Kontakte pflegen zu k\u00f6nnen. Ich wusste, dass die Stimmung in Deutschland anders war \u2013 doch meine Vorfreude meinen Freund, meine Familie und meine Freundinnen und Freunde wiedersehen zu k\u00f6nnen war gl\u00fccklicherweise gr\u00f6\u00dfer als mein Unmut \u00fcber die eingeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungl\u00fccklicherweise wurde nur wenige Tage nach meiner Heimkehr ein neuer Lockdown in Berlin verh\u00e4ngt. Nach nur zweieinhalb Wochen Freiheit wurde meinem Leben also ein neuer Riegel vorgeschoben. Selbst die Gl\u00fchweinst\u00e4nde, an denen man sich warme Getr\u00e4nke zum Mitnehmen f\u00fcr die Spazierg\u00e4nge mit Freunden kaufen konnte, mussten jetzt dicht machen. Statt des Weihnachtsessens in meiner Wohnung mit dem gesamten Freundeskreis gab es nur Gem\u00fctlichkeit in kleiner Runde mit der Familie. Und dann war das Jahr auch schon vorbei. Wie viele andere hoffte auch ich, auf ein lang ersehntes Ende dieses Wahnsinns im neuen Jahr. Bitte lass 2021 besser werden, hoffte ich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Neues Jahr, neues Gl\u00fcck? Eher nicht<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider kam es dann doch anders als erhofft. Bevor ich nach Berlin zur\u00fcckflog, hatte ich in Cambridge mit vielen anderen Studierenden und Lehrenden die Hoffnung auf einen zweiten Term in Pr\u00e4senzbetrieb. Die Chancen daf\u00fcr sahen gut aus, wurde doch der Lockdown beendet und die Impfkampagne in Gro\u00dfbritannien schon Anfang Dezember gestartet. Es sollte jedoch das Gegenteil eintreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz nach Neujahr \u00fcberschlugen sich die Nachrichten: in England wurde ein landesweiter neuer Lockdown verh\u00e4ngt, kurz darauf folgte die Ank\u00fcndigung den Term komplett online stattfinden zu lassen. Wenig sp\u00e4ter wurde schlie\u00dflich allen Studierenden die R\u00fcckreise ans College verboten. Innerhalb weniger Tage zerbrach mein sch\u00f6n zurechtgelegter Plan und alle Sicherheiten, die ich so dringend gebraucht hatte nach diesem vergangenen Jahr voller pers\u00f6nlicher Verluste und einer emotionalen Achterbahnfahrt nach der anderen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Erasmus vom Berliner K\u00fcchentisch aus<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so begann mein zweiter Term an der University of Cambridge nicht in England, sondern in Berlin-Kreuzberg, am K\u00fcchentisch der WG meines Freundes. Mein eigenes Zimmer hatte ich zu Beginn meines Auslandssemesters untervermietet f\u00fcr das gesamte akademische Jahr. Netterweise fand ich Asyl in der WG meines Freundes: wir teilten uns ein Zimmer, mein Schreibtisch war nun der K\u00fcchentisch. So gl\u00fccklich ich \u00fcber die schnelle Notl\u00f6sung war, so schwierig war es dennoch, konzentriert zu arbeiten. Es herrschte ein st\u00e4ndiges Kommen und Gehen in der K\u00fcche. Richtiges Studieren ist da unm\u00f6glich. W\u00e4hrend mein Sprachkurs an der Humboldt-Universit\u00e4t bereits kurz nach Neujahr wieder anfing, hatte ich in Cambridge noch bis Ende Januar Ferien. Bis dahin musste ich eine L\u00f6sung finden, denn wie sollte ich so w\u00f6chentlich Essays schreiben, Vorlesungen folgen, Seminare vorbereiten oder Diskussionen f\u00fchren, wenn nebenbei immer jemand Essen kocht oder sich einen Kaffee macht?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Improvisierter Schreibtisch: check, Kurs: gesucht<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende hatte ich auch mal etwas Gl\u00fcck. Eine der Mitbewohnerinnen kehrte aufgrund der hohen Fallzahlen in Berlin nicht in die WG zur\u00fcck und ich durfte ihren Schreibtisch solange benutzen. Online zu studieren ohne vern\u00fcnftigen Tisch, Stuhl, Licht oder WLAN ist eine Qual und raubt einem den letzten Nerv. Deswegen war ich sehr dankbar \u00fcber diese Zwischenl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider h\u00f6rten damit die schlechten Nachrichten aber nicht auf. P\u00fcnktlich zu Beginn des Semesters in Cambridge ergaben sich die n\u00e4chsten Probleme: ich war nicht auf der online-Lehrplattform f\u00fcr meinen neuen Masterkurs eingeschrieben, der Dozent wurde zu sp\u00e4t \u00fcber meine Existenz informiert und zeigte wenig Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Erasmus-Studierende die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten wie regul\u00e4re Studierende. Um Punkte angerechnet zu bekommen an meiner Berliner Universit\u00e4t brauche ich eine Abschlussnote f\u00fcr jeden Kurs. Regul\u00e4re Studierende schreiben daf\u00fcr ein Essay am Ende des Terms.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">In Cambridge scheint der Brexit p\u00fcnktlich umgesetzt worden zu sein \u2013 und die Erasmus-Studierenden damit vergessen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich war scheinbar nur vereinbart worden, den Kurs besuchen zu d\u00fcrfen \u2013 ohne jedoch eine Pr\u00fcfung absolvieren zu k\u00f6nnen. Verzweifelt versuchte ich es bei allen mir bekannten Adressen: meiner Director of Studies, dem Erasmus-Koordinatoren der History Faculty in Cambridge und bei meinem Dozenten. Von niemandem bekam ich eine Antwort auf meine Fragen. Es ist ein absolut d\u00e4mliches und erniedrigendes Gef\u00fchl, nur E-Mails schreiben zu k\u00f6nnen, in einem anderen Land, in einer anderen Stadt zu sitzen und nicht zu wissen, wo das Problem liegt und wie es sich l\u00f6sen l\u00e4sst. Aus Berlin war ich es gew\u00f6hnt, als Studentin Sachen selbst in Hand zu nehmen und mich zu k\u00fcmmern, wenn es Probleme gab \u2013 denn hier f\u00fchlt sich niemand f\u00fcr die Studierenden zust\u00e4ndig, wer Gl\u00fcck hat, bekommt vielleicht noch etwas Feedback f\u00fcr die Abschlussarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Cambridge soll das System so etwas jedoch genau verhindern. W\u00e4hrend man sich an seine Tutorin oder seinen Tutor bei allen nicht-akademischen Angelegenheiten wenden kann, ist die oder der Director of Studies f\u00fcr die Organisation deines Studiums verantwortlich. In meiner Hilflosigkeit verschickte ich eine E-Mail nach der anderen \u2013 und bekam haupts\u00e4chlich passiv-aggressive R\u00fcckmeldungen und das Gef\u00fchl vermittelt, zu nerven, zu st\u00f6ren und mich gef\u00e4lligst damit zufrieden zu stellen, hier sein zu d\u00fcrfen. Lustig. Ich war ja nicht mal da.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei enorm stressreiche, Zoom-Meetings und zahlreiche E-Mails sp\u00e4ter lie\u00df sich endlich eine L\u00f6sung finden. Zwar wurde ich das gesamte Term das Gef\u00fchl nicht los, in meinem Masterkurs \u00fcber das Empire nun ungewollt und bei meiner Director of Studies \u00e4u\u00dfert unbeliebt zu sein, trotzdem konnte ich dahinter einen Haken setzen und mich auf die neuen Kurse und Essays vorbereiten.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Teil 5: Wie man einen Lockdown \u00fcberlebt, oder: Das Gl\u00fcck, nette Mitbewohner zu haben<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In England war der nationale Lockdown deutlich h\u00e4rter, als ich es aus Deutschland gewohnt war: Drau\u00dfen durfte man sich nur mit einer Person treffen, drinnen nur mit seinem Haushalt. Alle Gesch\u00e4fte, Bars und Restaurants hatten zu. Es gab keine Sport- oder Freizeitm\u00f6glichkeiten. Man durfte sein Haus nur zum Einkaufen oder Sport machen an der frischen Luft verlassen. Nichtsdestotrotz hatte ich am Ende aber doch eine nettere Zeit im Lockdown, als anfangs bef\u00fcrchtet. So war mein Supervisor zum Beispiel sehr verst\u00e4ndnisvoll und machte mich nicht zur Sau, obwohl meine Arbeit von dieser Woche nicht so gut war, wie die der letzten beiden Wochen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-59153\" width=\"340\" height=\"200\"\/><figcaption>Happy Household im Pub nach dem Lockdown <br>(Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch meine Mitbewohner aus meinem Aufgang im Wohnheim stellten sich als \u00e4u\u00dfert nett und gesellig heraus: Bereits am ersten Wochenende im Lockdown veranstalten wir ein kleines Get-Together f\u00fcr unseren Haushalt. Am Samstagabend fanden sich fast alle unseres Aufgangs und damit Haushalts in meinem Zimmer bei ein paar Getr\u00e4nken zusammen und spielten Card Against Humanity. Diese Tradition w\u00fcrden wir erfolgreich einmal die Woche f\u00fcr die n\u00e4chsten vier beibehalten. Es war mein w\u00f6chentlicher Lichtblick und die einzige Chance, andere Menschen in echt treffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir fiel es aber zunehmend schwerer, mich f\u00fcr die Uni im Lockdown zu motivieren, jetzt wo alle Freizeitaktivit\u00e4ten und sch\u00f6nen Sachen wegfielen. Also versuchte ich mich an den Tipps, die das Welfare Team meines Colleges per Mail an alle Studis geschickt hatte: Finde einen geregelten Tagesablauf, esse drei Mahlzeiten am Tag, mache Sport und verlasse dein Zimmer. Ich wurde deswegen zum Fr\u00fchaufsteher, um vor den Unikursen per Videoschalte am Hochschulsportprogramm der Berliner Unis teilnehmen zu k\u00f6nnen, buchte mir Arbeitspl\u00e4tze in Bibliotheken, um zum Arbeiten mein Zimmer zu verlassen und ging zum Mittagsessen auf den Markt, um unter Menschen zu sein. Das hielt mich mental gesund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine gro\u00dfartigste Abwechslung in der Zeit war die Variation der verschiedenen Bibliotheken, in die ich mich zum Arbeiten fl\u00fcchtete. Eines hatten sie allerdings alle gemeinsam: Sie waren unglaublich kalt. In Gro\u00dfbritannien sind ziehende Fenster normal, deswegen ist es immer etwas k\u00fchler, wenn sich nicht gerade viele Menschen in einem kleinen Pub sammeln. Aber aufgrund der Ansteckungsgefahr durch Aerosole rei\u00dfen sie jetzt auch hier mittlerweile alle wie bescheuert die Fenster auf, weswegen die Studis nun mit Schal und M\u00fctze an ihren Arbeitspl\u00e4tzen bibbern. Nach den ersten paar Tagen fand ich zum Gl\u00fcck ein paar \u201ew\u00e4rmere\u201c Stellen f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen. Trotzdem musste man immer eine Schicht Kleidung mehr einplanen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/grafik-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-59157\" width=\"340\" height=\"227\"\/><figcaption>Sch\u00f6nes, englisches Wetter w\u00e4hrend unseres Ausflugs nach Fen Ditton. (Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich wurden alle Studis, die im College leben und ihre Einwilligung gaben, mit einem w\u00f6chentlichen PCR-Test auf Corona getestet. Und das kostenlos. Im Gegensatz zu deutschen Hochschulen musste Cambridge deswegen auch nicht schlie\u00dfen und bot sogar ganz normalen Pr\u00e4senzunterricht f\u00fcr einige F\u00e4cher an. Insgesamt gab es kaum Corona-F\u00e4lle innerhalb der Universit\u00e4t, in meinem Haushalt keinen einzigen. Im Fr\u00fchjahr des vergangenen Jahres hatte man in Deutschland noch dar\u00fcber geschmunzelt, wie die Briten die Pandemie bew\u00e4ltigten. In diesem Herbst und Winter hatte ich jedoch das Gef\u00fchl, dass sich das Blatt gewendet hatte. W\u00e4hrend es in Deutschland f\u00fcr Freunde von mir schwer war, \u00fcberhaupt an einen Test zu kommen, und der Lockdown dort verl\u00e4ngert wurde, endete er in England planm\u00e4\u00dfig am zweiten Dezember.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/grafik-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-59155\" width=\"340\" height=\"255\"\/><figcaption>Zum Abschied kam f\u00fcr einen kurzen Moment sogar noch weihnachtliche Stimmung auf, als in Cambridge f\u00fcr einen Morgen Schnee fiel.  (Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war die letzte der acht Wochen des Terms, als die Pubs, Restaurants und Gesch\u00e4fte wieder \u00f6ffneten. Und so verbrachte ich die Tage abwechselnd mit der Arbeit an meinem letzten Essay und mit Freunden in Pubs und Caf\u00e9s. Wie vor dem Lockdown gab es nur Bedienung am Tisch und man musste ein Hauptgericht bestellen, wenn man etwas trinken wollte. Trotzdem war es sch\u00f6n, sich endlich wieder au\u00dferhalb des Wohnheims treffen zu k\u00f6nnen. Ich sah Freunde, die ich seit Beginn des Terms nicht mehr gesehen hatte, noch einmal wieder, bevor es f\u00fcr viele \u00fcber Weihnachten nach Hause ging. Mit meinen Mitbewohnern verabredete ich mich zum Weihnachtsessen in der College-Kantine und am Sonntag zum traditionellen Sunday Roast im Nachbardorf Fen Ditton. Der Weg dorthin war typisch englisch: Immer an der Cam entlang, ging es erst durch Stadtparks und vorbei an den Ruderclubs der Colleges, dann an Hausbooten entlang und schlie\u00dflich \u00fcber recht matschige Wiesen. Auf unserem Weg mussten wir kleine B\u00e4che und schlammige Kuhweiden in dichtem Nebel passieren, bevor wir sehr dreckig, aber auch sehr heiter, den Pub erreichten. Bei einem w\u00e4rmenden Kaminfeuer und leckerem Sonntagsbraten ging der erste Term f\u00fcr mich in Cambridge dann besser zu Ende, als ich es zwischendurch erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Teil 4: Ein letztes Wochenende in Freude und Freiheit<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die dritte Woche des ersten Terms in Cambridge verging wie im Flug. Der hohe Arbeitsaufwand f\u00fcr die Kurse an der Uni verschlang meine gesamte Zeit. Und so pendelte ich zwischen der Leihstelle der Universit\u00e4tsbibliothek und meinem Zimmer, um die Texte f\u00fcr Seminare und Essays zu lesen, Notizen zu machen und schlie\u00dflich 2500 W\u00f6rter in einer schl\u00fcssigen Argumentation aneinanderzureihen. Hinzu kamen mehrere Vorlesungen pro Woche und kleinere Pr\u00e4sentationen f\u00fcr die Seminare sowie die w\u00f6chentliche Supervision, in der ich meinen Essay verteidigen musste. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurzum: Mein Wohnheim verlie\u00df ich nur zum Einkaufen. Und ich fragte mich, wie man dieses Pensum acht Wochen durchhalten soll, wenn man nebenbei nicht auf soziale Kontakte, Sport oder Hobbies verzichten soll. Umso mehr freute ich mich daher auf einen Kurztrip nach Brighton am letzten Oktoberwochenende. Vor drei Jahren habe ich w\u00e4hrend meines Bachelors zwei Auslandssemester an der University of Sussex in Brighton verbracht. Ein paar Freunde von damals studieren immer noch dort Medizin, und diese wollte ich nun besuchen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Zug nach Brighton wusste ich nicht, dass dieser Ausflug der letzte sein w\u00fcrde<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Kolumne_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-58400\" width=\"225\" height=\"300\"\/><figcaption>Noch einmal die Sonne am Brighton Beach genie\u00dfen, bevor der Lockdown einsetzt.    (Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich am Freitagmorgen im Zug zur sch\u00f6nen K\u00fcstenstadt sa\u00df, wusste ich noch nicht, dass dieser Trip der letzte vor einem drohenden, nationalen Lockdown sein w\u00fcrde. Und so traf ich mich nichtsahnend mit meinen Freundinnen Rachil, Ellie, Catherine und ihren Mitbewohnerinnen nachmittags im Pub und kochte anschlie\u00dfend in gem\u00fctlicher Runde in der  Wohnk\u00fcche ihres WG-Reihenhauses vegetarische Mezze und Tapas. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag ploppte dann mittags eine Push-Benachrichtigung der englischen Zeitung \u201eThe Guardian\u201c auf meinem Handy auf: Boris Johnson, der britische Premierminister, wird nachmittags eine Pressekonferenz abhalten und vermutlich einen neuen Lockdown ank\u00fcndigen. Na toll. Doch wir lie\u00dfen uns davon nicht vorzeitig die Suppe versalzen. Deswegen gingen Rachil, Ellie und ich in Brightons vielz\u00e4hligen Second-Hand-L\u00e4den auf die Suche nach einem Kost\u00fcm f\u00fcr die Halloweenparty am Abend und lie\u00dfen uns auch nicht von dem st\u00fcrmischen Wetter abhalten, dass den Regen nur so durch die Gassen peitschte. Zur Belohnung g\u00f6nnten wir uns, fast komplett bis auf die Knochen nass, ein leckeres Mittagessen in einem meiner Lieblingspubs aus meiner Zeit in Brighton. Abends ging es dann im Gruppen-Look der \u201eHeathers\u201c in einen der Clubs an der Promenade. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wer Brighton kennt, wei\u00df, wie surreal dieses Bild wirkt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund der Corona-Ma\u00dfnahmen war das ganze eine eher schr\u00e4ge Sitzveranstaltung: An allen Tischen sa\u00dfen Vierer- bis Sechser-Gruppen, eifrig verkleidet, ein DJ legte live Musik auf und Bedienungen brachten Getr\u00e4nke an den Tisch. Wer Brighton aus Pr\u00e4-Corona Zeiten kennt, wei\u00df, wie surreal dieses Bild wirkt. Normalerweise hat man in diesem Club kaum einen Zentimeter Platz f\u00fcr sich und alle G\u00e4ste dr\u00e4ngeln sich an der Bar. Um kurz vor 22 Uhr musste ich mich dann leider wieder verabschieden \u2013 und das f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit als geplant. Wenig sp\u00e4ter sa\u00df ich in einem v\u00f6llig leeren Zug nach Cambridge, gl\u00fccklich dar\u00fcber, noch ein letztes Wochenende in Freiheit genossen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Kolumne_2-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-58401\" width=\"225\" height=\"300\"\/><figcaption>Clare College in der winterlichen Abendsonne.    (Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Lockdown begann am f\u00fcnften November. Und in Cambridge brach Torschusspanik aus: Die Stra\u00dfen waren voll, viele Studierende verabredeten sich wie ich ein letztes Mal mit Freunden im Pub, gingen shoppen oder rudern. Auch ich nutzte die verbleibenden vier Tage nicht f\u00fcr meinen Essay, sondern, um andere Menschen zu treffen, einen ausgiebigen Herbstspaziergang im botanischen Garten zu machen, die Charity-Shops zu durchst\u00f6bern, noch zweimal rudern und einmal reiten gehen zu k\u00f6nnen. Eigentlich w\u00e4re ich an dem kommenden Wochenende auch nach Berlin f\u00fcr einen kurzen Besuch geflogen. Das fiel nun alles aus. Und so sa\u00df ich, w\u00fctend \u00fcber den spontanen Lockdown, panisch wegen meiner drohenden Abgabe und deprimiert wegen der Vorstellung, die n\u00e4chsten vier Wochen allein zu sein, am f\u00fcnften November bis sp\u00e4t in der Nacht in meinem Zimmer und versuchte mich recht erfolglos auf die Fertigstellung meines Essays zu konzentrieren. Die kommenden vier Wochen w\u00fcrden nicht nur aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes eine Herausforderung werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"> Teil 3: Fresher&#8217;s Week<\/h1>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/P1010297-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-57568\" width=\"313\" height=\"313\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich sollte mein Semester am 5. Oktober beginnen. So wurde es mir vor meiner Ankunft mitgeteilt. Nur deswegen bin ich auch nicht alleine, sondern mit meiner Mutter eine Woche vorher angereist, in der \u00dcberzeugung, noch Sightseeing machen zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich hatte ich dann aber nicht nur Hunderte von E-Mails in der Woche zuvor zu lesen, sondern auch die ersten Zoom-Meetings fanden am Wochenende statt. Und so war ich froh, dass meine Mutter Besuch von einer Freundin aus Devon bekam und ich sie nicht mit schlechtem Gewissen sich selbst \u00fcberlassen musste.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die Cambridge Uni und ihre Einzigartigkeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cambridge hat ein einzigartiges Unisystem, das nicht nur auf der Insel, sondern auch in Europa einzigartig ist: Jeder Student ist nicht nur Mitglied der Universit\u00e4t, sondern Mitglied eines der 31 Colleges. In diesen Colleges lebt man, isst man und wird versorgt. Jeder Fresher, wie die Erstis hier hei\u00dfen, bekommt einen Tutor und einen Director of Study zu Semesterbeginn vom College zugewiesen. Der Tutor ist verantwortlich f\u00fcr alles, was nicht akademisch ist, sprich das Wohlergehen des Studenten im College. Er ist immer von einem anderen Fachbereich. Der Director of Study (DoS) hingegen organisiert die akademischen Angelegenheiten, stellt den Stundenplan zusammen, organisiert die Einschreibung in Kurse und ist Ansprechpartner f\u00fcr Probleme im Studium. Er ist deswegen auch aus dem eigenen Fachbereich, in meinem Fall also Geschichte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2> Das englische Rundum-sorglos-Paket f\u00fcr Studenten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Cambridge wird alles f\u00fcr dich gemacht: gekocht, geputzt, organisiert. Im Prinzip musst du nur selber aufstehen, lesen, denken und schreiben \u2013 studieren eben. Ein Rundum-sorglos-Paket wird geboten. Diese Umstellung war sehr seltsam f\u00fcr mich. In Berlin bin ich gewohnt, mich um alles selber zu k\u00fcmmern: Ich habe eigenst\u00e4ndig eine Wohnung gesucht, meine Stromvertr\u00e4ge gewechselt, Rechnungen bezahlt, Essen gekocht, geputzt. W\u00e4re nicht Corona, w\u00fcrde jeden Morgen jemand in mein Zimmer kommen, es putzen und das Bett machen. So werden aktuell nur die Gemeinschaftsr\u00e4ume werktags gereinigt. Auch gibt es wegen Corona derzeit kein Fr\u00fchst\u00fcck, sondern nur Lunch und Dinner in der Buttery \u2013 der Mensa. Allerdings gibt es ein kompliziertes Zeitfenstersystem. In Gro\u00dfbritannien herrscht die \u201erule of six\u201c: Nur sechs Personen d\u00fcrfen gleichzeitig unterwegs sein. Im College darf man nur mit seinem \u201aHousehold\u2018 in der Buttery essen, aber weil alle bei mir kochen, tue ich das auch.<\/p>\n\n\n\n<h2> So verbringen echte Engl\u00e4nder ihre Sonntage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein erstes virtuelles Treffen mit meiner Tutorin sollte Sonntagnachmittag stattfinden. Vorher wollte ich aber unbedingt noch einer englischen Tradition nachgehen: dem Sunday Roast. Sonntags gehen die Engl\u00e4nder gerne spazieren und danach in einem Pub Sonntagsbraten essen. Dieser besteht traditionell aus ein paar Scheiben Fleisch und sehr vielen Beilagen wie verschiedenem Gem\u00fcse, Gravy und Yorkshire Pudding. Wie wir selbst gemerkt hatten, kann man nach Grantchester viel gem\u00fctlicher laufen als Rad fahren, immer an der Cam entlang. Und so spazierten wir gem\u00fctlich aus der Innenstadt Cambridges eine Stunde immer am Wasser entlang durch herbstliches Wetter in den niedlichen Vorort. Im Pub gab es zwar keinen traditionellen Sunday Roast, aber trotzdem einen sehr leckeren Shepard\u2019s Pie \u2013 einen Auflauf aus Hack, Gem\u00fcse und Kartoffelbrei. Auch wenn die meisten das englische Essen nicht m\u00f6gen, ich finde die sogenannten \u201aPub Grubs\u2018 herrlich. Die deftige Hausmannskost passt auf jeden Fall zum Wetter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Essen musste ich etwas hektisch zur\u00fcck in mein College hetzen, um rechtzeitig f\u00fcr das Tutor-Meeting vor meinem Laptop zu sitzen. Unter normalen Umst\u00e4nden w\u00fcrde man sich im B\u00fcro der Tutorin treffen und die anderen Studis der Tutorin bei einer Tasse Tee kennenlernen. Stattdessen starrten wir uns alle etwas sch\u00fcchtern \u00fcber die Webcam an. Unsere Tutorin Anne stellte sich kurz vor und erz\u00e4hlte, wie seltsam das alles f\u00fcr sie ist. Eigentlich sollen die Tutor- und DoS-Gruppen bewirken, dass man m\u00f6glichst schnell und ohne viel Aufwand andere Studenten aus dem eigenen und den anderen F\u00e4chern kennenlernt. Das funktioniert nun aber nicht, weswegen ich mir wirklich Sorgen mache, ob ich trotz Corona in Cambridge Freunde finden werde.<\/p>\n\n\n\n<h2> Zeremonielle Einweihung der Erstis<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Montag begann dann ganz offiziell der erste Term. Und weil in Cambridge Tradition gro\u00dfgeschrieben wird, sah die Immatrikulation auch anders als in Berlin aus. Der Matriculation Day besteht normalerweise aus der feierlichen Einschreibung in das Mitgliederbuch des Colleges, einem Gruppenfoto des Jahrgangs und abends einer Formal Hall, einem feierlichen Essen in dem traditionellen Saal des Colleges. Bei all diesen Veranstaltungen tragen die Erstsemester Kleid oder Anzug und dar\u00fcber den Gown, die schwarze Robe mit dem Wappen des jeweiligen Colleges. Aufgrund von Corona ist aber leider vieles anders. Der Dresscode zumindest blieb bestehen. Und weil ich beim Packen nat\u00fcrlich an alles M\u00f6gliche, aber nicht an Abendgarderobe gedacht hatte, musste am Tag zuvor noch hektisch ein schwarzes Kleid erstanden werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Morgens um 9 Uhr am Montag reihte ich mich dann mit zwei Metern Abstand und Maske vor der Master\u2019s Lodge im Old Court des Clare Colleges ein. Als mein Name vom Head Porter aufgerufen wurde, musste ich meine H\u00e4nde am Eingang desinfizieren und danach in den n\u00e4chsten Raum eintreten. In diesem stand ein riesiger Tisch, auf welchem das dicke, alte Mitgliederbuch des Colleges lag, links und rechts davon waren eine Nobelpreisurkunde und ein kleiner silberner Vogel wie Reliquien aufgestellt. Ich unterschrieb neben meinem Namen und war damit lebenslanges Mitglied des Clare Colleges. Nachdem ich mich eingeschrieben hatte, begr\u00fc\u00dfte mich die Senior-Tutorin, quasi die Direktorin des Colleges, f\u00f6rmlich als neues Mitglied. Danach verbeugten wir uns voreinander und ich verlie\u00df die Master\u2019s Logde wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend des gesamten Prozesses des Einschreibens, der vielleicht zwei Minuten dauerte, war ich unglaublich aufgeregt und st\u00e4ndig in Angst, irgendetwas falsch zu machen. Vermutlich deswegen sind mir auch die beiden Gegenst\u00e4nde neben dem Buch nicht aufgefallen. Und scheinbar erging es nicht nur mir so: Auf der Clare Bridge, wo sich alle Erstsemester f\u00fcr Fotos in ihren Roben versammelten, war die Nobelpreisurkunde Gespr\u00e4chsthema Nummer eins \u2013 denn niemand hatte sie bemerkt. Direkt nach der Einschreibung wurde von jedem Fresher einzeln ein Portr\u00e4tfoto vor der Br\u00fccke gemacht &nbsp;anstatt eines gemeinsames Gruppenbilds des Jahrgangs. Auch hier ging wieder alles so schnell, dass ich mich nicht vorbereiten konnte und das Foto grauslich aussah, wie ich sp\u00e4ter leider feststellen musste. \u00dcberhaupt war ich sehr traurig \u00fcber die fotografische Dokumentation dieses festlichen Aktes \u2013 die Fotos waren entweder unter- oder \u00fcberbelichtet, grau und farblos. Denn es musste nat\u00fcrlich an diesem Tag regnen. Trotzdem machte ich Fotos mit ein paar anderen Erstis, mit denen ich auf der Br\u00fccke ins Gespr\u00e4ch kam, und sp\u00e4ter noch mit Luc, der fast seine Einschreibung verpasst h\u00e4tte, h\u00e4tte ich ihn auf der Suche nach einem F\u00f6hn am Morgen nicht geweckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg zur\u00fcck zum Memorial Court, meinem Wohnheim, traf ich dann meine Mutter und ihre Freundin Lucie. Gemeinsam machten wir noch ein paar letzte Erinnerungsfotos, bevor es f\u00fcr sie nach Devon beziehungsweise Deutschland zur\u00fcckging. Nach der Verabschiedung war ich zun\u00e4chst mit Auspacken und Einr\u00e4umen besch\u00e4ftigt. So schwer die Koffer bei der Anreise auch waren: Nachdem alles ausger\u00e4umt war, sah mein Zimmer immer noch leer aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2>In schwarzen Roben vom Dinner zum Supermarkt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am selben Abend sollte das traditionelle Matriculation Dinner stattfinden. Normalerweise versammeln sich daf\u00fcr alle Erstsemester in Abendgarderobe und Gown in der Hall, im sch\u00f6nen holzget\u00e4felten Saal des Clare Colleges. Aber nicht in diesem Jahr. Stattdessen sitze ich an einem Tisch zu zweit mit meinem Zimmernachbarn Luc in einem Konferenzraum mit greller Deckenbeleuchtung. Die Kerzen, das Silberbesteck und die wei\u00dfen Tischdecken wirken zusammen mit unseren dunklen Roben irgendwie fehlplatziert. Au\u00dfer uns gibt es noch vier weitere Zweiertische, die U-f\u00f6rmig mit zwei Metern Abstand aufgestellt sind. Wir trauen uns nur leise zu unterhalten, die gesamte Situation ist \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig. Pl\u00f6tzlich erscheint jemand in einer anderen Robe und h\u00e4lt eine Rede in Latein. Ich bin froh, in den Gesichtern der anderen Erstis lesen zu k\u00f6nnen, dass ich nicht die Einzige bin, die kein Latein versteht. Nachdem der Fellow den Raum wieder verlassen hat, gucken wir alle etwas unsicher umher. Die schick gekleideten Kellner bringen den ersten Gang. Alle z\u00f6gern. Kommt da noch was? Nachdem eine Weile nichts passiert, fangen die Ersten an zu essen. Es folgen noch zwei weitere G\u00e4nge, zu jedem gibt es ein Glas Wein. Luc, ganz der klassische Franzose, ist emp\u00f6rt \u00fcber die Qualit\u00e4t des Essens. Ich finde es gar nicht mal so schlecht, immerhin ist das Essen gratis. Ich bin aber froh, die vegetarische Variante bestellt zu haben: Der Hauptgang besteht aus einer seltsam farblosen Scheibe, die angeblich pochiertes Huhn sein soll. Manchmal machen die Briten komische Sachen in ihren K\u00fcchen, denke ich mir.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem alle aufgegessen haben, wird das Licht gedimmt und die Rede des College Masters wird \u00fcber einen Beamer gesendet. Danach h\u00e4lt auch die Senior-Tutorin noch eine kurze Begr\u00fc\u00dfungsrede, diesmal allerdings in persona. Kurz danach verlassen wir alle, immer noch irritiert \u00fcber diese seltsame Veranstaltung, den Konferenzraum. Drau\u00dfen sammeln sich bereits die Erstis aus den anderen R\u00e4umen. Aufgrund der Corona-Regeln musste das Essen in drei verschiedene R\u00e4ume verteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun beginnt der witzige Teil des Abends, denn nach dem Essen f\u00fcllt sich die Stadt mit Studenten in dunklen Roben. Luc und ich besuchen zun\u00e4chst die collegeeigene Bar im Keller unter der Chapel. Es ist sehr laut und Konversation dadurch umso schwieriger. Trotzdem lernen wir drei andere, nette Fresher kennen. \u00dcberhaupt hat es sich bisher einfacher als gedacht erwiesen, neue Leute kennenzulernen. Das war in Brighton vor drei Jahren komplett anders. Scheint also an der Stadt \u2013 oder besser an der Uni \u2013 zu liegen. Als die Bar aufgrund der Beschr\u00e4nkungen um kurz vor zehn schlie\u00dfen muss, beginnt die Odyssee zum Bierregal. Immer noch in Abendgarderobe und Gown gekleidet, eilen wir zu f\u00fcnft zum n\u00e4chsten Supermarkt. Und obwohl dieser noch \u00fcber eine Stunde ge\u00f6ffnet hat, ist das Regal mit den alkoholhaltigen Erfrischungsgetr\u00e4nken mit Absperrband abgesperrt \u2013 nach 20 Uhr kein Verkauf mehr. Auch nach einem Jahr in Brighton habe ich immer noch nicht verstanden, nach welchem Prinzip der Verkauf und Konsum von Alkohol im Vereinigten K\u00f6nigreich geregelt ist. Manchmal, so scheint es, macht einfach jeder, was er m\u00f6chte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n\n\n<h2> \u00dcber den Tischtennisball in Bierdosen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Uber geht es zum n\u00e4chsten Supermarkt in einem anderen Stadtteil. Hier haben wir mehr Gl\u00fcck, das Regal ist nicht abgesperrt. Nur eine Taxifahrt sp\u00e4ter sitzen f\u00fcnf Erstis in schwarzen Roben in einem sehr ger\u00e4umigen Zwei-Zimmer-Apartment im Memorial Court. Was sich am Morgen noch komisch angef\u00fchlt hat, ist am Abend schon zur Normalit\u00e4t geworden: Nach diesem Abend wird es mich nicht mehr wundern, Menschen in schwarzen Roben in der Stadt herumlaufen zu sehen. Und als w\u00e4re der Abend bisher nicht schon verr\u00fcckt genug gewesen, entdecken wir auch noch das Geheimnis der Guinness-Dosen: In diesen rollt jeweils eine kleine, Tischtennisball gro\u00dfe Plastikkugel. Damit soll das Guinness sch\u00f6n schaumig bleiben. Was man in Cambridge alles lernen kann \u2026<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Teil 2: Regen, Charity Shopping und eine Menge Tee<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cambridge liegt ungef\u00e4hr 50 Minuten mit dem Zug entfernt von London, in nord\u00f6stlicher Richtung. Die Stadt hat um die 120.000 Einwohner, davon \u00fcber 20.000 Studenten. Die Universit\u00e4t ist \u00fcberall pr\u00e4sent, und die Innenstadt sieht wie aus dem Jahrhundert gefallen aus: Schn\u00f6rklig verzierte Sandsteingeb\u00e4ude mit T\u00fcrmchen, so weit das Auge reicht, enge G\u00e4sschen, keine Autos, daf\u00fcr umso mehr Radfahrer. Der Vergleich mit Hogwarts, der Zauberschule aus den Harry-Potter-Romanen, l\u00e4sst wirklich nicht lange auf sich warten. In der Stadt laufen vereinzelt aufgeregte Erstis (hier \u201efresher\u201c) in ihren neuen, schwarzen Roben herum. Und die Colleges wirken so altehrw\u00fcrdig und mystisch, wie das Hogwarts Schloss in den B\u00fcchern beschrieben wird. Fehlen nur noch Eulen, die die Post bringen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/CaiusandGonvilleCollege-225x300.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-56686\" width=\"225\" height=\"300\"\/><figcaption>Hogwarts oder Cambridge?<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn meine Mutter und ich von den Strapazen der Anreise v\u00f6llig fertig waren, hob das gute Wetter unsere Laune und Motivation. Immerhin genug, um uns vom Hostel in die Innenstadt in ein gem\u00fctliches Pub direkt am Wasser zum Mittagessen zu bewegen. Gegen\u00fcber grasten K\u00fche auf herrlich gr\u00fcnen Wiesen und stakten sogenannte \u201epunts\u201c \u2013 die in Cambridge und Oxford \u00fcblichen Stechk\u00e4hne \u2013 auf dem Cam vorbei. Inspiriert durch den Anblick der fr\u00f6hlichen \u201epunter\u201c lie\u00dfen wir uns ebenfalls im Rahmen einer Tour den Fluss hoch- und runterstaken. Die Aussicht war wirklich beeindruckend: Die ber\u00fchmtesten Colleges liegen am Fl\u00fcsschen Cam. Die akkurat gem\u00e4hten Rasenfl\u00e4chen leuchten stechend gr\u00fcn gestreift daneben. Viele punts d\u00fcmpeln den Fluss auf- und abw\u00e4rts. In gem\u00fctlichem Tempo ging es vorbei an der King\u2019s College Chapel, Cambridge vermutlich h\u00e4ufigstem Fotomotiv, an meinem zuk\u00fcnftigen Wohnort, Clare College, und an der ber\u00fchmten Bridge of Sighs des St John\u2019s College.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag sollte ich endlich mein neues Zimmer f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Monate sehen und beziehen k\u00f6nnen. Leider war heute das Wetter sehr englisch: Nieselregen und dunkle Wolken h\u00fcllten Cambridge in einen grauen Schleier. Mein Zimmer liegt im Memorial Court, einem gro\u00dfen, grauen Wohngeb\u00e4ude f\u00fcr die Erstis des Clare College, das in den 1920er-Jahren in Gedenken an die Gefallenen der Uni im Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Zuerst musste ich meine Schl\u00fcssel und meinen Studierendenausweis beim \u201eporter\u201c, dem Pf\u00f6rtner, abholen. Diese gibt es in jedem College: Tag und Nacht sitzen sie in den \u201elodges\u201c und haben jeden im Blick, der rein- und rausgeht, nehmen die Post entgegen und sind, so die Theorie, Ansprechpartner und Erste Hilfe in Notf\u00e4llen sowie die gute Seele des Hauses. W\u00e4hrend andere der 31 Colleges in Cambridge sehr strenge Besuchsregeln haben und die porter auf unfreundlichste Weise selbst andere Studis daran hindern, die Colleges zu passieren, hat Clare eine sehr entspannte Haltung \u2013 normalerweise. Doch wegen Corona sind weder G\u00e4ste noch Studierende anderer Colleges erlaubt. Wer also innerhalb seiner Etage im Wohnheim oder im gesamten College keine Freunde findet, hat mehr oder minder Pech gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Zimmer ist gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner als erwartet. Besonders witzig ist der alte Einbauschrank: Hinter einer T\u00fcr versteckt sich ein Mini-Bad mit Waschbecken und Spiegel. Und die Heizk\u00f6rper sind sogar unterhalb der Fenster angebracht! Jeder, der schon mal in England war, kann die Freude dar\u00fcber verstehen: Die Briten sind keine guten Architekten. Ihre Fenster sind zugig und nur einfach verglast, ihre Wasserleitungen liegen frostanf\u00e4llig au\u00dfen am Haus und ihre Heizk\u00f6rper sind zumeist an der Wand gegen\u00fcber vom Fenster angebracht. Letzteres f\u00fchrt wiederum dazu, dass nur die H\u00e4lfte des Zimmers m\u00e4\u00dfig warm wird und sich am Fenster Eisblumen bilden. Frieren im eigenen Zimmer geh\u00f6rte w\u00e4hrend meines letzten Auslandssemesters in Brighton im Jahr 2017 dazu wie die Tea Time.<\/p>\n\n\n\n<h2> Dinieren wie Harry Potter? <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die n\u00e4chsten Monate teile ich mir eine winzige K\u00fcche, in Cambridge \u201egyp room\u201c genannt, zwei Toiletten und zwei Duschen mit vier weiteren Studierenden. In der \u201eK\u00fcche\u201c gibt es nur zwei kleine Herdplatten, einen Wasserkocher, eine Mikrowelle, einen Toaster und einen winzigen K\u00fchlschrank. Eigentlich essen die Studenten in Cambridge ihre Mahlzeiten fast ausschlie\u00dflich in der \u201ehall\u201c oder \u201ebuttery\u201c \u2013 der Kantine des College. Allerdings ist das kaum mit unseren Mensen in Berlin zu vergleichen. Die alten Colleges haben Essenss\u00e4le, wie man sie sonst nur aus J. K. Rowlings B\u00fcchern kennt: Lange, dunkle Holztische f\u00fcllen aneinandergereiht den Saal, gro\u00dfe Kronleuchter h\u00e4ngen von der Decke und holzvert\u00e4felte W\u00e4nde sind mit \u00d6lgem\u00e4lden von ber\u00fchmten Alumni des College geschm\u00fcckt. Neben den t\u00e4glichen Mahlzeiten Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag und Abendbrot gibt es normalerweise auch noch die \u201eformal hall\u201c. Das ist ein Drei-G\u00e4nge-Men\u00fc mit Weinbegleitung und strenger Sitzordnung, bei dem die Studenten und Fellows in ihren Roben essen. Er\u00f6ffnet wird das Ganze immer mit einer Rede in Latein. Wie sehr hatte ich mich auf diese Erfahrung gefreut \u2013 und wurde dann nach meiner Ankunft leider entt\u00e4uscht: Aufgrund von Sanierungsarbeiten ist die hall des Clare College gesperrt und die tempor\u00e4re buttery befindet sich in einem Container auf dem Hof. Irgendwie habe ich nie Gl\u00fcck mit so was \u2013 schon meine Schule, ein h\u00fcbsches Geb\u00e4ude aus dem 19. Jahrhundert, wurde genau dann umf\u00e4nglich renoviert, als ich eingeschult wurde. Ich hatte dann Unterricht in Containern. Nachdem ich Abitur gemacht hatte, war das alte Geb\u00e4ude wieder freigegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast alle aus meiner Etage sind internationale Studierende aus h\u00f6heren Semestern oder \u201epostgrads\u201c, also Masterstudis. Insgesamt gibt es sechs Zimmer, allerdings sind davon nur vier belegt. Meinen Erasmus-\u201eKollegen\u201c lernte ich auch schon am ersten Tag kennen: Luc kommt aus Frankreich und freute sich, endlich jemanden in echt sehen zu k\u00f6nnen, nachdem er zwei Wochen in Quarant\u00e4ne in seinem Zimmer leben musste. In diesem Moment war ich wirklich froh, aus Deutschland eingereist zu sein und keine zweiw\u00f6chige Quarant\u00e4ne gemacht haben zu m\u00fcssen. Studierende, die aus Frankreich oder den USA eingereist sind, durften zwei Wochen lang ihr Zimmer nicht verlassen und mussten sich von Dosensuppen ern\u00e4hren. Immerhin hat Clare ihnen gratis Essen geliefert, auch wenn Luc, ganz franz\u00f6sisch, alles andere als begeistert von Auswahl und Qualit\u00e4t war.<\/p>\n\n\n\n<h2> Corona-Ma\u00dfnahmen und Dauerregen machen den Start schwer <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich bin ich eine Woche vor Semesterbeginn angereist, um noch Zeit f\u00fcr etwas Sightseeing mit meiner Mutter zu haben. Und ich habe mich sehr auf die gem\u00fctlichen Pubs gefreut, in denen man am Tresen alle Ales kosten kann und nebenbei einen Plausch mit seinem Sitznachbarn hat. Aber das miese Wetter drau\u00dfen und die Corona-Beschr\u00e4nkungen drinnen hatten mir die Lust darauf nachhaltig vermiest. \u00dcberall gibt es nur noch Tischservice. Die Pubs sind nicht mehr gem\u00fctlich kuschelig, sondern zugig und leer. \u00dcberall rei\u00dfen die Briten die Fenster auf, was dazu f\u00fchrt, dass man mit Jacke an seinem Tisch sitzt und etwas verkrampft fr\u00f6stelnd sein Bier trinkt. Corona nervt, selbst mein sch\u00f6nes England hat es mir kaputtgemacht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich begann die University of Cambridge, mich bereits jetzt schon mit Mails zu bombardieren. Mein Postfach z\u00e4hlte 142 Mails nach sieben Tagen. In Berlin bekomme ich von der Humbolt-Universit\u00e4t so viele noch nicht mal in einem Jahr. Und so verbrachte ich die meiste Zeit im Hostelzimmer am Rechner, um mein Auslandssemester vorzubereiten, und lernte in Zoom-Meetings erst die Krankenschwester meines College und in einem anderen dann alle weiteren 45 Erasmus-Studenten in Cambridge kennen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2> K\u00fcchenausstattung aus dem Secondhandshop &#8211; wieso nicht? <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt Sightseeing machten wir am n\u00e4chsten Tag nun das, was man nur in England machen kann und das auch trotz Corona Spa\u00df macht: Charity Shopping. Im Vereinigten K\u00f6nigreich ist ehrenamtliche Arbeit viel allt\u00e4glicher als bei uns. Die meisten Briten sind in wohlt\u00e4tigen \u201esocieties\u201c oder \u201echarities\u201c, also Stiftungen, t\u00e4tig. Und diese Stiftungen finanzieren sich unter anderem durch das Betreiben von Secondhandshops, in denen sie von anderen Briten gespendete Sachen wie Kleidung, aber auch M\u00f6bel, Geschirr, DVDs oder B\u00fccher verkaufen. Nach Deutschland hat es bisher nur Oxfam geschafft. Und anders als in unseren Gebrauchtwarenkaufh\u00e4usern gibt es in englischen Charity Shops immer wirklich tolle Sachen zu entdecken: von Perlenohrringen \u00fcber feines Teegeschirr aus Porzellan bis hin zu gem\u00fctlichen Tischlampen und silbernen Kerzenleuchtern. Und weil es in meinem Studentenwohnheim weder Teller noch T\u00f6pfe gibt, begeben wir uns auf die Jagd nach G\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs in Cambridges Charity Shops. In der Stra\u00dfe unseres Hostels ist gleich der erste, betrieben von der Salvation Army. Ich kann Teller, ein Teegeschirr-Set aus Porzellan, Besteck und Geschirrhandt\u00fccher ergattern. In anderen finden wir T\u00f6pfe und Dekoartikel. Und weil die Charity Shops so g\u00fcnstig sind, gehen wir am Ende des Tages mit zwei vollen T\u00fcten nach Hause. Im Hostel machen wir unser kleines Zimmer so gem\u00fctlich wie m\u00f6glich: Nachdem die schweren Koffer bereits in mein neues Zimmer umgezogen waren, reihen wir Dekoartikel und unser Tee- und Snacksortiment auf dem Fensterbrett auf und meine Lichterkette aus Berlin sorgt f\u00fcr gem\u00fctliches Licht.<\/p>\n\n\n\n<h2>Kein \u00d6PNV bedeutet gezwungenerma\u00dfen Fahrradstadt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag sollte eigentlich die Sonne scheinen. Ich zog extra meine englischen Sch\u00f6n-Wetter-Socken mit Wimpeln drauf an. Wir begannen unseren Tag mit Full English Breakfast in der Innenstadt. Danach mieteten wir uns Fahrr\u00e4der, eigentlich wollten wir eine Tagestour nach Ely machen. Daraus wurde dann nur ein Ausflug nach Grantchester, einem sch\u00f6n englischen Dorf nahe Cambridge. Obwohl Cambridge als Fahrradstadt bekannt ist, ist es doch relativ radunfreundlich: Die Autos fahren, selbst f\u00fcr Berliner Verh\u00e4ltnisse, sehr dicht an einen heran, es gibt kaum bis keine Radwege und wenn es welche gibt, sind diese in unglaublich schlechtem Zustand. Aber Radfahren ist in England un\u00fcblich. Vermutlich ist der blo\u00dfe Fakt, dass es in Cambridge keinen nennenswerten \u00f6ffentlichen Nahverkehr gibt und alle mit dem Rad fahren, Grund daf\u00fcr, dass die Stadt zur Fahrradstadt wurde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-medium\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/funky.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Pub-in-Grantchester-225x300.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-56688\"\/><figcaption>Gem\u00fctlicher Lunch im Pub<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Ziel hatten wir bereits nach einer halben Stunde erreicht. Es war kalt und windig und so suchten wir nach einem gem\u00fctlichen Tea Room oder Pub. Pl\u00f6tzlich fing es an, wie aus K\u00fcbeln zu sch\u00fctten, und in k\u00fcrzester Zeit waren wir nass bis auf die Knochen. Der Tea Room war bereits geschlossen, der erste Pub ausgebucht. Der zweite Pub hatte nur noch einen Platz in der unbeheizten Gartenlaube, in der wir Platz nahmen und mit hei\u00dfem Tee auf einen warmen Sitzplatz im Inneren des Pubs hofften. Mir war noch nie so kalt. Zum Gl\u00fcck bekamen wir nach der ersten Kanne Tee einen Platz drinnen und konnten uns bei leckerem Lunch aufw\u00e4rmen. Die n\u00e4chsten zwei regnerischen Tage verbrachten wir haupts\u00e4chlich drinnen, mit Tee, Shortbread und der herrlich englischen Serie \u201eGrantchester\u201c (volle Empfehlung hierf\u00fcr!).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Teil 1: Reisen in Pandemiezeiten, ein Abenteuer f\u00fcr sich<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Oktober sollte meine Erasmus-Erfahrung an der University of Cambridge in England beginnen. Eigentlich wollte ich ganz bequem in Berlin in den Zug steigen und mit dem Eurostar den Channel-Tunnel nach London passieren. So h\u00e4tte ich sowohl meine Koffer als auch mein Fahrrad mitnehmen k\u00f6nnen. Cambridge ist n\u00e4mlich, so ungew\u00f6hnlich das auch f\u00fcr alle anderen Orte in Gro\u00dfbritannien ist, eine Radlerstadt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Vorfreude hielt sich allerdings leider zunehmend in Grenzen, je n\u00e4her der Tag der Abreise r\u00fcckte. Cambridge ist f\u00fcr mich zum Sehnsuchtsort geworden, ein Ort f\u00fcr einen Neubeginn, nachdem ein Schicksalsschlag nach dem anderen dieses verfluchte Jahr gejagt hat. Und hier rechne ich Corona noch nicht einmal mit hinein. Dieses Virus hat alles nur noch unn\u00f6tig verkompliziert. Wie soll man sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen und Familienmitglieds wieder an Alltag und Normalit\u00e4t gew\u00f6hnen, wenn es beides nicht mehr gibt? Wenn Freunde Angst haben, zu deiner Abschieds- oder Geburtstagsfeier zu kommen? Und genau deswegen wollte ich nach England. Wenn es nicht m\u00f6glich ist, meinen alten Alltag und die Normalit\u00e4t wiederherzustellen, dann muss eben ein neuer her. In einer neuen Umgebung, in einem neuen Land.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Corona und Brexit machen alles komplizierter<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das erste Hindernis lie\u00df nicht lange auf sich warten: Eine Woche vor geplanter Abreise wurde mir mein Portemonnaie gestohlen. Und los ging der unendlich anstrengende \u00c4mter-Marathon, den jeder nachvollziehen kann, der schon mal in Berlin gelebt hat. Und dann war da noch der Brexit. Weil die Briten in einem Umstand der vermeintlich geistigen Umnachtung f\u00fcr ihre dauerhafte Selbstisolation gestimmt haben, kann man nun \u00fcber die Deutsche Bahn keine internationalen Verbindungen mehr nach London buchen. Deswegen musste ich f\u00fcr mich und meine Mutter, die mir beim Gep\u00e4ck und Sightseeing helfen wollte, einzeln Tickets f\u00fcr die Strecke Berlin \u2013 Br\u00fcssel und Br\u00fcssel \u2013 London buchen. Und dann kam nat\u00fcrlich, was kommen musste: Eine Woche vor meiner Abreise wurde unser Eurostar ersatzlos gestrichen \u2013 wegen Corona. Nicht jedoch der Zug der Deutschen Bahn, weswegen wir unsere Sparpreis-Tickets nicht umbuchen konnten. Kurz darauf wurde auch der R\u00fcckflug meiner Mutter von Stansted nach Berlin gestrichen \u2013 ebenfalls wegen Corona. Und schlie\u00dflich bekam ich eine E-Mail, nur ein paar Tage vor der geplanten Abreise, dass nicht nur der gesamte Unterricht digital stattfinden wird, sondern auch G\u00e4ste im College verboten sind. Toll. Deshalb musste ich auch noch ein Hostel f\u00fcr meine Mutter und mich buchen. Ihr seht: Es war chaotisch. Und meine Vorfreude sank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tte ich vielleicht schon an diesem Punkt keine Lust mehr gehabt. Aber ich wollte nur noch weg. Also lie\u00df ich mich weder von Corona noch vom Brexit abschrecken und suchte nach neuen Mitteln, um auf die Insel zu kommen. Die einzige Alternative blieb nun ein Flug mit British Airways nach London City.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein \u00c4mter-Marathon endete damit, dass ich am Morgen der Abreise in Tiergarten erst ins Rathaus st\u00fcrmte \u2013 samt Sondergenehmigung, ohne Termin, wow \u2013 und danach direkt in den Flughafenbus nach Tegel. Und so sa\u00df ich am 28. September in einem geisterhaft leeren Flughafen Tegel, da anscheinend nicht nur die Gesch\u00e4fte, sondern auch alle Mitarbeiter schon nach Sch\u00f6nefeld umgesiedelt wurden. Die Schalter waren nicht oder nur unzureichend besetzt und es bildeten sich unendlich lange Schlangen. Das ist jetzt also sinnvolle Pandemiepolitik?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ziel erreicht &#8211; trotz aller Hindernisse<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann sa\u00df ich endlich im Flugzeug. Fliegen zu Pandemiezeiten ist seltsam. Wenn Flugreisen schon vor Corona umweltsch\u00e4dlich waren, hat es die Pandemie nicht verbessert: Alles wird nochmal extra in Plastik verpackt und einzeln gereicht, sei es Essen, Trinken oder Desinfektionst\u00fccher. In London City angekommen konnten wir einen Erfolg verbuchen: In deutscher, vorbildlicher Manier hatten wir den anstrengenden, umfangreichen Einreisefragenkatalog der britischen Regierung bereits vor der Abreise ausgef\u00fcllt. Damit schienen wir jedoch die Einzigen gewesen zu sein. So bildeten sich auch bei der Einreise wieder lange Schlangen, wir kamen jedoch schnell durch. So schnell wir in London gelandet waren, so schnell waren wir auch wieder weg. Die stressigen Wochen vor der Abreise, die Anreise selbst haben mich so fertiggemacht, dass ich einfach nur noch schnell in Cambridge im Hostel ankommen wollte. Und so sind wir direkt mit dem Zug weiter nach East Anglia gefahren. Cambridge, here I come!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ein Jahr studiert unsere Autorin in Cambridge, England. 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