{"id":52561,"date":"2020-06-30T11:31:30","date_gmt":"2020-06-30T09:31:30","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2020\/06\/30\/seenotrettung-in-zeiten-von-corona-was-im-mittelmeer-passiert-bleibt-unsichtbar\/"},"modified":"2020-07-31T12:00:44","modified_gmt":"2020-07-31T10:00:44","slug":"seenotrettung-in-zeiten-von-corona-was-im-mittelmeer-passiert-bleibt-unsichtbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2020\/06\/30\/seenotrettung-in-zeiten-von-corona-was-im-mittelmeer-passiert-bleibt-unsichtbar\/","title":{"rendered":"Seenotrettung in Zeiten von Corona: &#8222;Was im Mittelmeer passiert, bleibt unsichtbar&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"teaser\"> Die gemeinn\u00fctzige Initiative \u201eSea-Watch\u201c war bisher an der Rettung von \u00fcber 37.000 Menschen beteiligt. Sie ist ein ziviler Seenotrettungsverein, der Schutzsuchende im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt. W\u00e4hrend die \u201eSea-Watch\u201c rettet, schaut die EU weg. Warum dieses Wegschauen rassistisch ist, erfahren wir im Interview mit Mattea Weihe, die bei \u201eSea-Watch\u201c als Cultural Mediator t\u00e4tig ist.<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Als Cultural Mediator bist du bei \u201eSea-Watch\u201c die Erste, die Kontakt zu Schutzsuchenden aufnimmt. Wie bist du zu \u201eSea-Watch\u201c gekommen?<\/strong><br>Das fing 2017 an, ich habe im Bachelor Islamwissenschaften studiert und Arabisch gelernt.Irgendwann dachte ich mir: Ich sitze da f\u00fcnf Tage die Woche und lerne diese hochkomplizierte Sprache, aber ich mache irgendwie nicht so richtig etwas damit. Ich hatte einen befreundeten Arzt, der war bei \u201eSea-Watch\u201c aktiv. Daher kannte ich die Organisation ganz gut und wusste ungef\u00e4hr, was auf mich zukommt. Ich habe den Entschluss gefasst, mich dort zu bewerben. Dann ging alles relativ schnell. 2018 war ich auch schon das erste Mal auf Mission.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ist die sch\u00f6nste Erinnerung, die du an deine erste Mission hast?<\/strong><br>Im Mai 2018 hatten wir extrem viele Seenotrettungsf\u00e4lle und am Ende waren 400 Menschen an Bord. Wir hatten auch mehrere Rettungsf\u00e4lle in mehreren Tagen. Damals konnte man das noch gut mit verschiedenen staatlichen Akteuren koordinieren. Dann hatten wir einen weiteren Rettungseinsatz von 150 Personen. Da war es an Bord schon voll.&nbsp;Als wir dann mit den Menschen bei unserem ankamen,&nbsp;standen da alle bisher aufgenommenen Menschen und haben applaudiert und gejubelt. Anstatt zu sagen \u201eHey, hier ist kein Platz mehr, wir denken jetzt an uns\u201c, war das ein sehr solidarischer Moment.<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bist du schon mal in die Situation gekommen, Leben gegen Leben abw\u00e4gen zu m\u00fcssen?<\/strong><br>Die Situation gibt es leider \u00f6fter, als man denkt. Zum Beispiel gab es mal folgende Situation: Die Menschen haben in der Regel keine Westen an. Wir verteilen als Allererstes Rettungswesten und fahren mit zwei Schnellbooten auf die Menschen zu. In diesem Moment wurde uns mitgeteilt, dass noch ein weiterer Rettungsfall in der N\u00e4he ist. Also haben wir uns getrennt, was wir sehr selten machen. Wir konnten bei dem einen Boot Rettungswesten verteilen, als der zweite Seenotfall auf uns umgeleitet wurde. Von Weitem kam dann die libysche K\u00fcstenwache auf den zweiten Seenotfall zu. Die Menschen an Bord des zweiten Seenotfalls hatten so gro\u00dfe Panik, zur\u00fcck nach Libyen zu m\u00fcssen, dass sie ins Wasser gesprungen und in unsere Richtung geschwommen sind. Da hatten wir extrem viele Menschen im Wasser und mussten so schnell wie m\u00f6glich die Personen aus dem Wasser holen. Im Nachhinein wurde uns gemeldet, dass f\u00fcnf Personen vermisst werden. Es war also keine aktive Entscheidung, wen man rettet und wen nicht \u2013 man hat in der Regel nur den Bruchteil einer Minute, um \u00fcberhaupt zu agieren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die \u201eSea-Watch 3\u201c darf wieder auf See. Wie hast du davon erfahren und wie hast du dich dabei gef\u00fchlt?<\/strong><br>Ich bin seit mehreren Monaten darin involviert, die Crew seefertig zu machen. Wir haben sie seit zwei Monaten aktiv darauf vorbereitet, also auch alle Richtlinien \u00fcberarbeitet und diese darauf ausgelegt, dass alle Ma\u00dfnahmen in Bezug auf Covid-19 eingehalten werden k\u00f6nnen. Es sind also alle Ma\u00dfnahmen getroffen worden, sodass wir weder uns noch die Hilfsbed\u00fcrftigen gef\u00e4hrden. Unsere Crew war 14 Tage zuvor auch in Quarant\u00e4ne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gibt es sonst Einschr\u00e4nkungen aufgrund von Corona?<\/strong><br>Wir nutzen auch Suchflugzeuge, die konnten nat\u00fcrlich nicht fliegen. Vor ein paar Tagen sind sie dann wieder das erste Mal unterwegs gewesen. Es ist absurd, wie wir in der Arbeit eingeschr\u00e4nkt sind. Wir hatten nat\u00fcrlich auch Probleme, unsere Crew nach Spanien zu bringen. Die EU sorgt daf\u00fcr, dass dieser Covid-19-Schatten \u00fcber allem h\u00e4ngt. Das, was im Mittelmeer passiert, bleibt hingegen unsichtbar. Die EU ist ganz gut darin zu sagen, sie sei in genau diesen Zeiten solidarisch, doch wenn es um Gefl\u00fcchtete in Griechenland geht, h\u00f6rt die Solidarit\u00e4t auch wieder auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> Die EU ist ganz gut darin zu sagen, sie sei in genau diesen Zeiten solidarisch, doch wenn es um Gefl\u00fcchtete in Griechenland geht, h\u00f6rt die Solidarit\u00e4t auch wieder auf.  <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\">  Mattea Weihe, 28 Jahre <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was sagt es \u00fcber die EU aus, wenn Seenotrettung kriminalisiert wird?<\/strong><br>Wir bewegen uns immer mehr zur\u00fcck zu Nationalstaaten, und europ\u00e4ische Grenzen, die ja eigentlich unsichtbar sein sollen, werden immer sichtbarer. Die EU schottet sich ab, es wird Menschen das Recht auf Leben verwehrt, und anstatt sich solidarisch mit ihnen zu zeigen, schaut die EU zu, wie sie im Mittelmeer ertrinken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was f\u00fcr Ver\u00e4nderungen w\u00fcnschst du dir dahin gehend?<\/strong><br>Zuerst einmal, dass wir keine zivilen Seenotrettungsschiffe mehr br\u00e4uchten, sondern dass es staatlich organisierte Seenotrettung g\u00e4be. Diese sollten aber nicht darauf ausgelegt sein, Menschen zur\u00fcck in das Land zu f\u00fchren, aus dem sie geflohen sind. Wir brauchen eine humane Rettung, die Menschen an sichere H\u00e4fen bringt. Jeder Mensch soll das Recht haben, dort zu leben, wo er m\u00f6chte. Wir m\u00fcssen uns klarer \u00fcber unsere Privilegien werden \u2013 Menschen sollten bei uns das gleiche Recht haben wie wir bei ihnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was entgegnest du Menschen, die euch \u201eSchlepper\u201c nennen und behaupten, es g\u00e4be genug sichere H\u00e4fen in Nordafrika?<\/strong><br>Das kann man gut rechtlich erkl\u00e4ren. Wenn Menschen sich auf hoher See in Seenot befinden, hat jeder Seemann oder jede Seefrau die Pflicht, diese Menschen zu retten und in einen sicheren Hafen zu bringen. Ein sicherer Hafen ist auch definiert als ein Ort, wo Menschen keinerlei Menschenrechtsverletzungen erleben, keiner Folter ausgesetzt sind und wo sie mit W\u00fcrde leben k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnen Menschen in nordafrikanischen Staaten meistens nicht.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viele Personen der \u00d6ffentlichkeit, wie zum Beispiel die Musikerin Nura oder der S\u00e4nger Henning May, machen auf Seenotrettung aufmerksam und unterst\u00fctzen diese. F\u00fcr wie wichtig h\u00e4ltst du diesen Support?<\/strong><br>Ich glaube es ist total wichtig, dass bekannte Pers\u00f6nlichkeiten ihre Reichweite daf\u00fcr nutzen, das Anliegen zu unterst\u00fctzen. Ganz oft wird das untersch\u00e4tzt. So k\u00f6nnen ganz unterschiedliche Menschen erreicht werden k\u00f6nnen, die nicht in unserer Blase sind. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>L\u00e4sst sich das Desinteresse einiger an der Seenotrettung auch durch mediale Unterrepr\u00e4sentierung erkl\u00e4ren?<\/strong><br>Wie viele Krisen in der Welt gibt es, \u00fcber die gar nicht berichtet wird? Ich glaube, deswegen k\u00f6nnen gerade soziale Netzwerke tats\u00e4chlich eine tolle Erg\u00e4nzung sein, um sich auch langfristig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Als Journalistin oder Journalist erlaubt es dir deine Redaktion wom\u00f6glich gar nicht, immer \u00fcber dasselbe Thema zu berichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was kann die Mehrheitsgesellschaft tun, um den Zustand vieler Schutzsuchender auch in Moria zu verbessern?<\/strong><br>Es gibt sogenannte Landesaufnahmeprogramme, die den einzelnen Bundesl\u00e4ndern erlauben, Menschen aus Moria zu evakuieren. Das funktioniert vor allem, wenn die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Druck auf die Lokalpolitikerinnen und -politiker aus\u00fcben. Generell wichtig ist auch, einfach dar\u00fcber zu reden, das Ganze im Kopf zu behalten und die Leute nicht zu vergessen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> Die Diskussion, ob Menschen gerettet werden sollen oder nicht, findet nur statt, weil es nicht wei\u00dfe Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er sind, die im Mittelmeer ertrinken.   <\/p>\n<p><span class=\"quote-author\"> Mattea Weihe, 28  <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Andy Grote und der Verfassungsschutz haben die Seebr\u00fccke als \u201eantidemokratisch\u201c bezeichnet. Was macht Seenotrettung essenziell f\u00fcr eine Demokratie?<\/strong><br>Man merkt an dieser ganzen Bewegung, wie Staatsorgane anfangen, politische Organisationen, die nicht in ihr Weltbild passen, in den Verfassungsbericht aufzunehmen. Ich verstehe das Argument des Antidemokratischen \u00fcberhaupt nicht, weil es eine Zivilgesellschaft ist, die sich zusammentut und eine Meinung hat. In einer Demokratie sollten wir doch genau das zulassen k\u00f6nnen.Von aktiver Partizipation lebt eine Demokratie. Genau das verk\u00f6rpert die politische Organisation der Seebr\u00fccke, weil diese den Finger auf politische Probleme richtet und gleichzeitig Menschen mobilisiert. Genau das ist Demokratie. Seenotrettung ist unsere rechtliche Pflicht und da wir in einem Rechtsstaat leben, m\u00fcssen wir dieser nachgehen. Wenn so eine gro\u00dfe Masse der Bev\u00f6lkerung sich f\u00fcr etwas einsetzt, dann ist es meines Erachtens undemokratisch von der Politik, dem nicht nachzugeben.<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Glaubst du, auch Rassismus spielt bei dieser Abschottungspolitik eine Rolle?<\/strong><br>Auf jeden Fall. Es wird dar\u00fcber verhandelt, wer leben darf und wer nicht. Bestimmte L\u00e4nder, wie Ungarn oder Polen, weigern sich ja sogar, \u00fcberhaupt Menschen aufzunehmen \u2013 das hat nat\u00fcrlich auch mit ihrer Hautfarbe zu tun. Das ganze Dilemma an sich ist nat\u00fcrlich, dass diese Menschen jetzt Schutz suchen m\u00fcssen, weil westliche Staaten afrikanische L\u00e4nder kolonialisiert haben. Dadurch haben sich Strukturen entwickelt, durch die Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminiert werden. Die Diskussion, ob Menschen gerettet werden sollen oder nicht, findet nur statt, weil es nicht wei\u00dfe Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er sind, die im Mittelmeer ertrinken. Das zeigt noch einmal die Tiefe des strukturellen Rassismus auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gibt es etwas an deiner Arbeit, was dich heute noch besch\u00e4ftigt<em>?<\/em><\/strong><br>Ich bin immer noch schockiert dar\u00fcber, dass den Gefl\u00fcchteten auf den Booten ihr gesamtes Gep\u00e4ck abgenommen wird. Und auch die Schuhe, um Gewicht zu sparen. Und man schaut runter, sieht \u00fcberall nackte F\u00fc\u00dfe und seine eigenen bekleideten F\u00fc\u00dfe. F\u00fcr mich ist das menschenverachtend. Schuhe symbolisieren f\u00fcr mich einen Schutzraum. Es ist f\u00fcr mich schrecklich, dass die einen Schuhe tragen d\u00fcrfen und die anderen nicht. Da nimmt man den Menschen wirklich die letzte W\u00fcrde und die Leute kommen mit nasskalten F\u00fc\u00dfen an Bord.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dein Appell an alle, die dieses Interview lesen?<\/strong><br>Wir m\u00fcssen uns \u00fcber unsere Privilegien Gedanken machen und auch dar\u00fcber, dass andere diese Privilegien nicht haben. Wir sollten uns alle an die eigene Nase fassen und einen Teil unseres Privilegs teilen. Wie wir das machen, bleibt nat\u00fcrlich jeder und jedem selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gemeinn\u00fctzige Initiative \u201eSea-Watch\u201c war bisher an der Rettung von \u00fcber 37.000 Menschen beteiligt. 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