{"id":39511,"date":"2018-08-17T10:51:38","date_gmt":"2018-08-17T08:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitungsverlag\/2018\/08\/17\/wenn-man-hip-hop-liebt-kann-man-nicht-monokulturmaessig-unterwegs-sein\/"},"modified":"2018-08-17T11:32:38","modified_gmt":"2018-08-17T09:32:38","slug":"interview-rapper-chefket","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2018\/08\/17\/interview-rapper-chefket\/","title":{"rendered":"\u201eLiebe ist das einzig Reale, was es gibt\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>\u201eAlles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)\u201c hei\u00dft das neue Album von Rapper Chefket. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Herr und Frau Zimmermann und, warum er lieber \u00fcber Liebe als \u00fcber Hass rappt.<\/h2>\n<p><em>Von Margarethe Neubauer<\/em><\/p>\n<p>35 Grad im Schatten, Rapper Chefket bleibt entspannt. Im Hawaiihemd schl\u00fcrft der Musiker seinen Cappuccino, l\u00e4chelt die Hitze einfach weg. Sein neues Album hei\u00dft \u201eAlles Liebe\u201c und verbreitet positive Vibes. Kein Fluchen, kein Battlen, keine Bitches. Chefket rappt \u00fcber das, was ihm guttut. Warum Liebe krasser als Hass ist und wie mit seiner Lebenseinstellung der Erfolg kam, hat er uns im Interview erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><em><strong>Dein Album beginnt mit \u201eGel Keyfim Gel\u201c \u2013 ein t\u00fcrkischer Ausdruck f\u00fcr Gelassenheit. Woher kommt deine Attit\u00fcde?<br \/>\n<\/strong><\/em>Das habe ich haupts\u00e4chlich durchs Elternhaus mitbekommen. Au\u00dferdem versuche ich, mich nicht zu hetzen. Meine Schwester hat immer gesagt, ich sei ein \u201eNatural Born Chiller\u201c.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Chefket - Gel Keyfim Gel (Official Video) ft. Marsimoto\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Q9p1hitTPRU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em><strong>Dann l\u00e4sst du dich sicher nicht leicht provozieren. Letztes Jahr gab\u2019s einen Diss von Raf Camora. Wie gehst du mit solchen Provokationen um?<br \/>\n<\/strong><\/em>Ich find\u2019s gut, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Wenn ich den Rapper respektiere, w\u00fcrde ich wahrscheinlich selbst etwas schreiben und den aufs Korn nehmen. Da h\u00e4tte ich Spa\u00df dran. Aber wenn man Raf und mich vergleicht, wei\u00df man ja direkt, wer der Bessere ist. Das muss ich nicht extra betonen. Ich w\u00fcrde lieber f\u00fcr jemanden etwas schreiben, der mir was bedeutet.<\/p>\n<p><em><strong>Vom Rap-Battle zum \u201eEnde des Kampfes\u201c, den der Untertitel deines Albums ausruft: Auf welche Herausforderungen blickst du zur\u00fcck?<br \/>\n<\/strong><\/em>F\u00fcr die Musik habe ich damals beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Ich wusste nicht, ob die Leute zu Hause mir applaudieren, weil sie mich kennen oder weil die Musik gut ist. Also wollte ich so weit weg wie m\u00f6glich. Wenn man sich nicht an Trends orientieren, sondern sein eigenes Ding machen m\u00f6chte, gibt es nat\u00fcrlich Durststrecken. Die hatte ich auch: Keine Wohnung gehabt, im Studio geschlafen, bei Freunden geduscht. Aber Berlin hat mich gerettet. Hier kannst du auch f\u00fcr 50 Cent im Internet surfen und Lahmacun f\u00fcr 1,30 Euro essen.<\/p>\n<p><strong><em>Dein Deb\u00fct ist fast zehn Jahre her. Wieso hat der Kampf so lang gedauert?<br \/>\n<\/em><\/strong>Wir war wichtig, meine Musik nicht zu vergiften. Dass alles so bleibt, wie ich\u2019s haben will, wie es f\u00fcr meine Seele gut ist. Es hat gedauert, bis die Leute kapiert haben, dass ich es ernst meine. 2009 war Aggro Berlin noch am Start und da meinten alle, was ich mache, sei schwul. Weil ich gesungen habe. Jetzt hat sich die Szene ver\u00e4ndert. Alle wollen singen, arbeiten mit Melodien, benutzen Auto-Tune. Ich bin froh, dass es in die Richtung geht, das spielt mir in die Karten. Aber ich mache noch immer, was ich will. Der Kampf ist insofern vorbei, dass ich mir finanziell keine Gedanken mehr machen muss.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn sich jemand nett mit mir unterh\u00e4lt, wird der danach nicht sagen: Ich hab mich letztens ganz normal mit \u2019nem T\u00fcrken unterhalten.\u201c<br \/>\n<em>Chefket<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Musstest du h\u00e4rter k\u00e4mpfen, weil dir aufgrund deines Backgrounds mit Vorurteilen begegnet wurde?<br \/>\n<\/strong><\/em>Am Anfang meiner Karriere gab es viele Produzenten, die meinten, ich solle lieber Gangster-Rap machen. Damit k\u00f6nne man leicht Geld verdienen, weil ich in dieses Muster passe. Dar\u00fcber musste ich leicht lachen. F\u00fcr mich war das unverst\u00e4ndlich. Hatten die sich \u00fcberhaupt angeh\u00f6rt, was ich mache? In der #MeTwo-Debatte hei\u00dft es gerade, man m\u00fcsse sich doppelt anstrengen, um wahrgenommen zu werden. Ich denke, es liegt vor allem auch daran, dass positive Dinge nie so stark auffallen wie negative. Wenn sich jemand nett mit mir unterh\u00e4lt, wird der danach nicht sagen: Ich hab mich letztens ganz normal mit \u2019nem T\u00fcrken unterhalten.<\/p>\n<p><em><strong>Der Fokus auf das Negative spielt sicher auch in der aktuellen Integrationsdebatte eine Rolle. Wie nimmst du das wahr?<\/strong><\/em><br \/>\nViele Deutsche mit t\u00fcrkischen Eltern denken sich jetzt, na toll, wir k\u00f6nnen direkt wieder bei null anfangen. Einer macht etwas falsch, und nur, weil man die gleichen Wurzeln hat, muss man dazu Stellung beziehen wie ein Kulturinformant. Die Debatte ist sehr einseitig. Wir m\u00fcssen miteinander reden und nicht \u00fcbereinander, uns \u00f6ffnen und nicht nur vorm Rechner sitzen und in die Populismus-Falle tappen. Wir k\u00f6nnen in unserem Alltag viel ver\u00e4ndern, da vermischen sich die Kulturen ja schon.<\/p>\n<p><em><strong>Kannst du da aus eigener Erfahrung berichten?<\/strong><\/em><br \/>\nEin \u00e4lteres deutsches Ehepaar, Herr und Frau Zimmermann, hat fr\u00fcher auf meine Schwester aufgepasst, wenn meine Eltern arbeiten mussten. Deshalb konnte sie so gut Deutsch und hat uns bei den Hausaufgaben geholfen. Ich hatte durch die Bildung einen Schl\u00fcssel in die deutsche, durch die Sprache einen Schl\u00fcssel in die t\u00fcrkische Gesellschaft. Es gibt viele solcher Beispiele, viele Herr und Frau Zimmermanns, das kriegt man aber meistens nicht mit. Die positiven Sachen werden hart wegignoriert. Au\u00dferdem: Wenn man Hip-Hop liebt, kann man gar nicht so monokulturm\u00e4\u00dfig unterwegs sein.<\/p>\n<p><em><strong>Wie hat denn die Musik als Jugendlicher deine Identit\u00e4tsfindung beeinflusst?<\/strong><\/em><br \/>\nHip-Hop hat mir geholfen, mich selber kennenzulernen. Schreiben ist ja Selbstreflexion im besten Sinn. Mit 17, gegen Ende der Sommerferien, war ich eigentlich in einer Italienisch-AG. Auf dem Weg zum Klo habe ich dann Musik geh\u00f6rt und bin gar nicht mehr zur\u00fcckgegangen. So habe ich meine erste Band gefunden. Wir haben Jazz, Funk und Soul gemacht. Damals habe ich Texte auf Englisch geschrieben. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute auf Deutsch mehr zuh\u00f6ren. Da wurde mir die Macht des Wortes bewusst.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Chefket - Sowieso\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lLlqJemitqU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em><strong>Inwiefern?<\/strong><\/em><br \/>\nDu kannst erst mal nicht unterbrochen werden, sprichst deine Gedanken aus. Ich war der einzige Deutsche mit t\u00fcrkischen Eltern auf dem Gymnasium und habe einen Song gemacht, der hie\u00df D\u00f6ner: \u201eWir klauen nicht euer Land, wir machen es nur sch\u00f6ner. Alles, was ihr von T\u00fcrken kennt, ist D\u00f6ner.\u201c Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass ich da stehen kann und jeder zuh\u00f6ren muss. Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr, auf meine Herkunft reduziert zu werden, die Attitude hat sich ge\u00e4ndert. Ich habe kein Problem, wenn mich jemand als fremd betrachtet. Wenn mich jemand nicht mag, warum sollte ich dazugeh\u00f6ren wollen?<\/p>\n<p><em><strong>Die deutschsprachige Hip-Hop-Szene ist noch immer ein Forum f\u00fcr Selbstprofilierung \u2013 durch Hass und Gewalt. Wieso ist dir pers\u00f6nlich die Liebe lieber?<\/strong><\/em><br \/>\nLiebe ist unser aller Ding. Das ist das einzig Reale, was es gibt. Mit Liebe und Humor k\u00f6nnen wir alle besser durchs Leben gehen. Sicher ist es besser, \u00fcber die Musik seinen Frust rauszulassen als physisch jemandem wehzutun. Ich habe aber f\u00fcr mich herausgefunden, dass mich die Texte, die ich schreibe, jahrelang begleiten. Da m\u00f6chte ich mich nicht in so einen negativen Modus versetzen. Ich schreib\u2019s ja auch f\u00fcr mich, das ist die beste Therapie. Wenn ich live spiele, muss ich manchmal losweinen. Und auch die Leute haben mittlerweile verstanden, wie ich das meine. Das ist mir wichtiger als der kurze Erfolg oder Geld. Jetzt verdiene ich ja auch damit und nehme nur noch, was ich brauche. Damit bin ich gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><em><strong>Dennoch verkauft sich Hass erstaunlich gut.<br \/>\n<\/strong><\/em>W\u00fcrde ich etwas hassen, w\u00fcrde ich dar\u00fcber schreiben. Aber ich habe keinen Frust in mir. Ich versuche immer auch, das Negative ins Positive zu \u00fcbersetzen. Wenn mich jemand ekelhaft kritisiert, aber recht hat, versuche ich trotzdem, das ins Positive umzuwandeln. Klar, Actionfilme mit Gewalt sind eher Kassenschlager als Independent-Filme in Schwarz-Wei\u00df. Trotzdem muss man sich bewusst sein, warum man etwas macht. Und ich mache das, was meiner Seele guttut. Etwas anderes w\u00e4re gar nicht authentisch. Wenn du nicht verk\u00f6rperst, was du sagst, ist das peinlich.<\/p>\n<p><em><strong>Vor allem Frauen sind in Rap-Songs oft Hassobjekt. Warum haben viele Rapper Angst vor Gleichberechtigung?<br \/>\n<\/strong><\/em>Ich wei\u00df nicht, was f\u00fcr Frauen die so kennenlernen. Vielleicht kotzt sie ihr eigenes Beuteschema an oder sie sind w\u00fctend auf eine Frau und verarbeiten das. Vielleicht liegt es an der Phonetik? Bitch klingt halt cool. Ich spekuliere jetzt nur. Es kommt darauf an, was man erlebt. Ich w\u00fcrde keine Frau eine Bitch nennen, die Sex mag. Wenn dich eine so psychom\u00e4\u00dfig kaputt macht, das ist &#8217;ne Bitch. Aber das gilt ja f\u00fcr M\u00e4nner genauso.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Titelbild: Roman Goebel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAlles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)\u201c hei\u00dft das neue Album von Rapper Chefket. 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