{"id":37185,"date":"2018-01-18T16:27:11","date_gmt":"2018-01-18T15:27:11","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/bzv\/2018\/01\/18\/am-sterbebett-wie-traurig-ist-eine-trauerbegleiterin\/"},"modified":"2018-01-18T16:27:28","modified_gmt":"2018-01-18T15:27:28","slug":"am-sterbebett-wie-traurig-ist-eine-trauerbegleiterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2018\/01\/18\/am-sterbebett-wie-traurig-ist-eine-trauerbegleiterin\/","title":{"rendered":"Am Sterbebett \u2013 Wie traurig ist eine Trauerbegleiterin?"},"content":{"rendered":"<h2>Wer in einem Hospiz arbeitet, erlebt viel Leid, das vom Alltag zu trennen ist. Eine Trauerbegleiterin erz\u00e4hlt aus ihrem Berufsalltag.<\/h2>\n<p><em>Von Sarah Aursachioaie, Klasse 11, Gesamtschule Hagen-Haspe<\/em><\/p>\n<p>Schon in jungen Jahren wurde Michaela Pesenacker mit dem Thema Tod konfrontiert und besch\u00e4ftigt sich auch heute noch damit. Sie arbeitet in einem Kinder-und Erwachsenenhospiz. Im Interview spricht die gelernte Trauerbegleiterin und Diplom-Psychologin \u00fcber Methoden zur Unterst\u00fctzung der Betroffenen. Au\u00dferdem erkl\u00e4rt sie, wie man diese schwere Arbeit und das Privatleben auseinander halten kann.<\/p>\n<p><strong>Frau Pesenacker, Sie leiten und begleiten Patienten nun seit 17 Jahren bis zu ihren letztem Lebensabschnitt. Warum f\u00fchlen Sie sich f\u00fcr diese Arbeit berufen?<\/strong><br \/>\nIch f\u00fchle mich berufen f\u00fcr diese Arbeit, weil ich glaube, dass das kein Job wie viele andere ist. Bei mir ist das auch so, dass ich eine ganz pers\u00f6nliche Motivation habe, Hospizarbeit zu machen. Und zwar in sofern, dass ich selbst sehr fr\u00fch mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert wurde und mir diesen Bereich dann so erschlossen habe. Ich denke auch nach 17 Jahren Hospizarbeit immer noch, dass ich am rechten Fleck bin und es f\u00fcr mich genau die richtige Arbeit ist.<\/p>\n<p><strong>Wie unterst\u00fctzen Sie Eltern, die ein schwerkrankes Kind haben?<\/strong><br \/>\nWenn wir eine Anfrage von einer betroffenen Familie bekommen, dann fahre ich als Koordinatorin raus und besuche die Familie. An dieser Stelle ist es mir wichtig, dass alle Familienmitglieder da sind, weil das Thema lebensbegrenzende Erkrankung immer etwas ist, was die ganze Familie belastet. Zu Hause lerne ich alle kennen und frage jeden einzelnen, was er sich w\u00fcnscht. Dann gibt es unterschiedliche M\u00f6glichkeiten \u2013 zum Beispiel Gespr\u00e4che mit der Mutter oder dem Vater oder beiden zusammen \u2013 um sie einfach zu st\u00fctzen und zu stabilisieren, damit sie das auch noch f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum st\u00e4mmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie wird das erkrankte Kind unterst\u00fctzt oder wie kann ihm geholfen werden?<\/strong><br \/>\nWir bieten f\u00fcr das erkrankte Kind eine \u201eTandembegleitung\u201c an \u2013 so hei\u00dft das im Hospizbereich. Das bedeutet, zwei ausgebildete Ehrenamtliche betreuen ein erkranktes Kind. Sie gehen einmal in der Woche f\u00fcr drei bis vier Stunden zu dem Kind und machen dann das, was das Kind sich w\u00fcnscht oder eben entsprechend seiner Krankheit noch kann. Es sind deshalb zwei Mitarbeiter, weil die Begleitungen oft ganz lange dauern.<\/p>\n<p><strong>Geschwisterkinder leiden auch unter dieser belastenden Familiensituation. Wie kann ihnen geholfen werden?<\/strong><br \/>\nWir haben auch eine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die gesunden Geschwisterkinder. Denn, wenn ein schwersterkranktes Kind in der Familie ist, dreht sich fast alles um die Krankheit und um das erkrankte Kind. Die gesunden Geschwisterkinder geraten in den Hintergrund und es gibt auch oft wenig Zeit, um mit denen etwas Sch\u00f6nes oder Normales zu machen. Und dann ist es toll, wenn auch nochmal ein Ehrenamtlicher kommt und nur mit dem Geschwisterkind etwas macht.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<p><strong>In Ihrem Hospiz bieten Sie die Begleitung schwerstkranker Kinder und Erwachsener an. Was f\u00fcr Unterschiede gibt es zwischen dem Kinderhospiz und dem Erwachsenenhospiz?<\/strong><br \/>\nIm Erwachsenenbereich sieht die praktische Begleitung anders aus. Da begleiten wir relativ kurz. Manchmal wirklich nur in der Sterbephase. Da betr\u00e4gt die durchschnittliche Begleitungsphase drei bis vier Wochen. Im Kinderbereich betr\u00e4gt sie durchschnittlich sechs Jahre.<br \/>\nDie Inhalte sind auch unterschiedlich. Wenn ich zu einem erwachsenen Sterbenden gerufen werde, hei\u00dft das ganz oft, dass ich eigentlich nur noch am Bett sitzen kann. Was eigentlich etwas ganz Besonderes ist. Da kann ich zuh\u00f6ren, vielleicht auch ein bisschen vorlesen oder erz\u00e4hlen \u2013 einfach damit der Mensch nicht alleine sein muss.<\/p>\n<p>Und im Kinderbereich m\u00fcssen wir uns echt die \u00c4rmel hochkrempeln und alles das machen, was die Kinder gerne noch machen m\u00f6gen und k\u00f6nnen. Das ist auch oft so, dass wir dann mit dem Rollstuhl unterwegs sind und durch die Gegend sausen und spielen \u2013 eben alles, was anderen Kinder in dem alter auch machen w\u00fcrden. Das ist eine ganz aktive Begleitung.<br \/>\nF\u00fcr erwachsene Menschen ist das Thema Sterben, Tod und Trauer auch etwas sehr Belastendes. Kinder gehen da ganz anders mit um. F\u00fcr die ist das noch nicht so schwer \u2013 nicht so belastend \u2013 und die sind auch in der Phase oftmals ganz fr\u00f6hlich und offen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchlt man sich nach der Zeit mit den Patienten verbunden?<\/strong><br \/>\nJa, das ist oftmals auch das Traurige an den Begleitungen. Wenn eine Begleitung kurz dauert, ist es schwer eine Beziehung aufzubauen. Von der Beziehung ist es auch immer abh\u00e4ngig, wie traurig ich dann hinterher bin. Es ist immer traurig, wenn ein Mensch geht, aber ich bin damit pers\u00f6nlich nicht so angesprochen. Aber wenn eine Begleitung \u00fcber viele Wochen oder auch Monate geht, dann ist eine Beziehung entstanden \u2013 ein Vertrauensverh\u00e4ltnis. Wenn der Mensch dann stirbt, dann hat das eine andere Qualit\u00e4t. Die Mitarbeiter sind dann sehr betroffen aber es ist auch sch\u00f6n, wenn sie dann auch mit zur Beerdigung gehen. Sie bekommen dann einen Abschluss f\u00fcr sich selber.<\/p>\n<p>Hinterher gehen sie auch noch ein bis drei Mal zu den Angeh\u00f6rigen des Verstorbenen, wo man nochmal \u00fcber Trauer reden kann. Dann kann man es auch ziemlich gut ablegen. Das ist f\u00fcr die Selbstversorgung ganz wichtig. Man muss gucken, wann man wieder bereit ist f\u00fcr was Neues. Manchmal flie\u00dfen auch bei uns die Tr\u00e4nen \u2013 Das ist klar (grinst).<\/p>\n<p><strong>Kennen Sie selber Grenzen zwischen dem, was Sie tun und dem, was Sie f\u00fchlen?<\/strong><br \/>\nDiese Frage finde ich ganz wichtig, weil wir klare Grenzen haben und weil wir unsere Mitarbeiter auch gerade in diesem Bereich sehr gut schulen. Wir brauchen Grenzen, denn sonst k\u00f6nnte man diese Arbeit nicht so lange machen. Ich sage immer, Hospizarbeit ist immer eine psychosoziale Arbeit. Zum Beispiel k\u00fcmmern wir uns auch nicht um au\u00dferhospizliche Probleme. Die sind im Hintergrund. Deswegen gibt es immer eine klare Auftragskl\u00e4rung. Das machen wir auch zum Schutz unserer Mitarbeiter. Man k\u00f6nnte ja ganz viel machen, aber wir machen nur das. Die andere Grenze muss jeder Einzelne bei sich selbst ziehen.<\/p>\n<p><strong>Nehmen Sie diese Gef\u00fchle in Ihr Privatleben mit oder lassen Sie diese am Arbeitsplatz?<\/strong><br \/>\nIch f\u00fcr meinen Teil nehme sehr wenig mit in mein Privatleben. Das ist etwas, was ich im Laufe der vielen Jahre gelernt habe. Ich lese zum Beispiel, wenn ich zu Hause bin, keine hospizlichen B\u00fccher. Da versuche ich das Thema wirklich au\u00dfen vor zu lassen. Hier ist Arbeit und wenn ich zu Hause bin, f\u00e4ngt die Zeit an, wo ganz andere Dinge dran sind. Das habe ich, glaube ich, ganz gut f\u00fcr mich geregelt. Trotzdem gibt es immer ber\u00fchrende Momente, die ich auch nach Hause nehme. Aber die sind nicht langanhaltend. Das ist dann vielleicht f\u00fcr ein paar Stunden aber es ist nichts, was mich jetzt durchg\u00e4ngig traurig machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Hat der Beruf und das Zusammensein mit den Patienten auch sch\u00f6ne Seiten?<\/strong><br \/>\nAuf alle F\u00e4lle. Wir sagen immer, das der Job eine Win-win-Situation ist. Wir geben ganz viel\u00a0 an Zeit und Gef\u00fchl. Aber wir kriegen auch sehr viel zur\u00fcck \u2013 viel an Vertrauen, an Wertsch\u00e4tzung und an Dankbarkeit. Genau das ist eigentlich auch das Sch\u00f6ne an der Arbeit. Solange diese Waage ausgeglichen ist, geht es einem auch gut. Das hei\u00dft nicht, dass der Tod letztendlich nicht schwierig und traurig ist, aber grunds\u00e4tzlich ist es das A und O, in der Balance zu bleiben.<\/p>\n<p><em>Beitragsbild: pexels.com<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in einem Hospiz arbeitet, erlebt viel Leid, das vom Alltag zu trennen ist. Eine Trauerbegleiterin erz\u00e4hlt aus ihrem Berufsalltag. 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