{"id":37087,"date":"2018-01-04T16:59:46","date_gmt":"2018-01-04T15:59:46","guid":{"rendered":"https:\/\/funky.de\/bzv\/2018\/01\/04\/72-stunden-offline-ein-selbstversuch\/"},"modified":"2018-01-04T17:06:47","modified_gmt":"2018-01-04T16:06:47","slug":"72-stunden-offline-ein-selbstversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/funky.de\/braunschweiger-zeitung\/2018\/01\/04\/72-stunden-offline-ein-selbstversuch\/","title":{"rendered":"72 Stunden offline  \u2013  ein Selbstversuch"},"content":{"rendered":"<h2>Smartphones und st\u00e4ndige Erreichbarkeit sind f\u00fcr Jugendliche selbstverst\u00e4ndlich geworden. Doch wie sieht ein Leben offline aus?<\/h2>\n<p><em>Von Laurina Schwarzer, Klasse 8a, Berlin International School<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Zu meinem zehnten Geburtstag habe ich ein Smartphone geschenkt bekommen. An mein Leben vor dem Smartphone kann ich mich schon fast nicht mehr erinnern. Jetzt mit fast 14 Jahren habe ich mich entschlossen, einen Selbstversuch zu starten.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckt, aber ich habe mich entschieden, drei Tage auf mein Handy zu verzichten. Das ist eine Entscheidung, \u00fcber die sich wahrscheinlich alle Eltern freuen und die alle Gleichaltrigen f\u00fcrchten werden. Ich war mir nicht sicher, ob ich es durchhalten w\u00fcrde. Daher legte ich mit meiner Mutter klare Regeln fest. Sie war nat\u00fcrlich sofort von der Idee begeistert. 72 Stunden ohne Handy \u2013 unvorstellbar! Wie sollte ich den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht halten? Spontane Verabredungen, googeln, Anrufe \u2013 all das w\u00fcrde in dieser Zeit nicht m\u00f6glich sein. Trotz aller Bedenken startete ich das Experiment.<\/p>\n<h3>Tag 1: Stress pur<\/h3>\n<p>Morgens stand ich auf und ging ins Wohnzimmer, um mein Handy von der Ladestation zu holen und das Wetter zu checken. Doch dann fiel es mir wieder ein: ab heute f\u00fcr drei Tage kein Handy. Woher sollte ich wissen, was ich anziehen soll, wenn ich das Wetter nicht kannte? Die Entt\u00e4uschung war gro\u00df. Schon in den ersten Minuten des Experiments \u00fcberkam mich Unsicherheit. Ich wusste nicht, ob meine Freunde schon vor der Schule etwas geschrieben hatten. Wo w\u00fcrden sich alle treffen? Hatte noch jemand eine Frage zu den Hausaufgaben? Oder hatte ich vielleicht etwas vergessen mitzunehmen, an das ich durch mein Handy erinnert worden w\u00e4re? So viele Fragen, doch vorerst keine Antwort. Ich kam zur Schule und gl\u00fccklicherweise traf ich alle auf dem Hof. Immer wieder griff ich in der Jackentasche nach meinem Handy, aber da war nichts. Meine Freunde redeten \u00fcber die Geschehnisse des Morgens, die letzten Neuigkeiten aus den Chats, aber immerhin hatte ich nichts wirklich Wichtiges verpasst. Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt.<\/p>\n<p>Den ersten Schultag hatte ich geschafft. Ich wartete vor der Schule auf meinen Vater. Der fuhr im Auto an mir vorbei und ich lief hinterher. Als ich am Ende der Stra\u00dfe angekommen war, sah ich ihn wenden und wieder zur\u00fcck zum Schultor fahren. Der erste Moment der Verzweiflung war da. Ich war total durch den Wind. Normalerweise h\u00e4tte ich in so einem Moment meinen Vater angerufen und gesagt, wo ich war. Doch ohne mein Handy rannte ich die Stra\u00dfe wieder zur\u00fcck, um mich dann winkend und rufend bemerkbar zu machen und nicht ein weiteres Mal von ihm \u00fcbersehen zu werden. Gestresst von dem ersten Tag ohne mein geliebtes Handy, h\u00e4tte ich mir abends am liebsten eine weitere Folge von Vampire Diaries angesehen. Die Serie war doch gerade so spannend. Wie sollte ich das blo\u00df aushalten? Stattdessen r\u00e4umte ich mein Zimmer auf und beendete diesen eigenartigen Tag mit Lesen im Bett.<\/p>\n<h3>Tag 2: Alles k\u00f6nnte so einfach sein\u2026<\/h3>\n<p>Meine Freundinnen und ich planten seit einigen Tagen, am kommenden Freitag ins Kino zu gehen. Ich wusste aber gar nicht, ob und wann die Verabredung stattfinden w\u00fcrde. Denn ich war nicht im Chat. Ich konnte auch keinen Einfluss auf Uhrzeit und Ort des Treffens nehmen. In der Schule fragte ich meine Freundinnen, ob schon etwas geplant war, aber irgendwie bekam ich keine brauchbare Antwort, weil sie noch nichts Genaues ausgemacht hatten. Ich wartete auf eine Entscheidung.<br \/>\nSp\u00e4ter am Tag besuchte ich eine Freundin. Diese Verabredung hatte ich vor der \u201ehandyfreien\u201c Zeit ausgemacht. Doch nun musste ich ohne Google eine Adresse suchen. Zum ersten Mal nutzte ich einen Stadtplan. Ich f\u00fchlte mich, als w\u00e4re ich eine Person, die ich noch vor ein paar Stunden in meinem Geschichtsbuch auf einem Foto gesehen hatte (Wir besch\u00e4ftigten uns gerade mit der amerikanischen Revolution). Das Treffen mit meiner Freundin fand schlie\u00dflich mit einigen Umwegen statt.<\/p>\n<p>Die Spanisch-Hausaufgabe stellte mich noch am gleichen Abend vor die n\u00e4chste Herausforderung. Die \u00dcbersetzung eines Wortes dauert mit Google vielleicht drei Sekunden, aber mit einem W\u00f6rterbuch, das ich gl\u00fccklicherweise besa\u00df, brauchte ich bis zu drei Minuten.<br \/>\nDen Tag beendete ich mit einer schlimmen Erkenntnis: Ich merkte, dass ich auf Snapchat meine Streaks, also die Reihe von Bildern, die man mit seinen Freunden hin und her schickt, um Punkte zu bekommen, verlieren w\u00fcrde. So ein Mist! So entschlo\u00df ich mich dann schnell, meiner Schwester meine Streaks zu \u00fcberlassen. Dann kam mir auch noch der Gedanke, dass Storys bei Snapchat nur 24 Stunden online sind. Das hie\u00df dann wohl f\u00fcr mich, jede einzelne davon zu verpassen. Jetzt wollte ich echt mein Handy wieder haben. Doch ich wollte auch durchhalten.<\/p>\n<h3>Tag 3: Au\u00dfenseiter oder?<\/h3>\n<p>In der Schule erfuhr ich, dass das Treffen mit meinen Freundinnen nicht stattfinden w\u00fcrde. Ich wei\u00df bis heute nicht wirklich, warum, aber ich konnte es auch nicht beeinflussen, obwohl ich mich so sehr darauf gefreut hatte. Wahrscheinlich hatten die anderen es nicht geschafft, sich im Chat zu einigen. Ich verstand nicht, warum wir es nicht einfach in der Schule nochmal besprachen. Irgendwie sagte keiner mehr etwas dazu. Vielmehr waren in den Pausen schon neue Themen aus Chats aktuell. Ich war aber nicht informiert und es fiel mir von Tag zu Tag schwerer, den Themen zu folgen. Anfangs fragte ich noch: \u201eWer hat das geschrieben? Was hat sie geantwortet? Wo waren die? Wen meinst du?\u201c. Irgendwann wurde es mir aber zu anstrengend und ich h\u00f6rte nur noch zu. Ich f\u00fchlte mich wie ein Au\u00dfenseiter.<\/p>\n<p>Abends machte ich entspannter als sonst meine Hausaufgaben. Ich merkte, dass ich viel schneller fertig war. Sonst hatte ich zwischendurch mit meinen Freunden gechattet.<br \/>\nAn diesem Abend war ich au\u00dferdem fest mit meiner Freundin zum Telefonieren verabredet, um eine Hausaufgabe zu besprechen. Sie rief mich p\u00fcnktlich an, aber ich war noch beim Essen. Ich rief sie zur\u00fcck, da konnte sie gerade nicht. Mit dem Handy h\u00e4tten wir uns geschrieben: \u201eIch kann gerade nicht.\u201c \u201eMelde mich in 5 Minuten.\u201c Ohne Handy klappte es erst beim dritten Anruf. Ich wusste, am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrde ich mein Handy wieder einschalten d\u00fcrfen. Dann w\u00e4re alles wieder, wie es vorher war.<\/p>\n<h3>Tag 4: Der Tag danach<\/h3>\n<p>Das Experiment war vorbei. Mein Drang, zum Handy zu greifen aber auch. Ich f\u00fchlte mich entspannter und weniger unter Druck. Mir fiel auf, dass ich ohne Unterbrechungen meine Hausaufgaben gemacht hatte und dass ich mit meiner Freundin intensivere Gespr\u00e4che gef\u00fchrt hatte, ohne st\u00e4ndig auf mein Handy zu schauen. Obwohl ich zu Beginn des Versuchs ohne mein Handy gestresst und unsicher war, merkte ich jetzt wie viel ruhiger und entspannter ich ohne mein Telefon geworden war.<\/p>\n<p>Insgesamt kann ich jedem dazu raten, ein paar Tage auf das Handy zu verzichten. Es war eine Erfahrung, die mir gezeigt hat, welche Erleichterung und Hilfe die Nutzung des Telefons sein kann, aber auch, wie viel Zeit wir in unserer Freizeit oftmals unn\u00f6tigerweise am Handy verbringen. Ist es nicht eher so, dass die st\u00e4ndige Ablenkung durch das Smartphone ein Stressfaktor ist, uns abh\u00e4ngig macht und uns Zeit raubt, in der wir miteinander reden k\u00f6nnten? Heute versuche ich bewusster zu entscheiden, ob es wirklich notwendig ist, immer erreichbar zu sein. Trotzdem kann ich mir ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen!<br \/>\nDu vielleicht?<\/p>\n<p><em>Beitragsbild: pexels.com<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Smartphones und st\u00e4ndige Erreichbarkeit sind f\u00fcr Jugendliche selbstverst\u00e4ndlich geworden. Doch wie sieht ein Leben offline aus? 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