Die Überlegung, ein Schuljahr zu wiederholen, liegt mittlerweile in den Händen der Betroffenen. Trotzdem sollte man nicht vorschnell entscheiden…
Von Liv Hansen, Klasse 8.1, Berlin International School

Tim* sitzt bei der Zeugnisvergabe zitternd auf seinem Platz. Noch eine Fünf kann er sich nicht erlauben. Seine Fingerkuppen sind weiß. Er schwitzt. Schule macht ihm keinen Spaß mehr. Er hat Stress mit den Lehrern und macht lieber Sport oder spielt in seiner Freizeit Gitarre. Darum vergisst er seine Hausaufgaben und bekommt keine guten Zensuren mehr. In Tims Halbjahreszeugnis werden lauter schlechte Noten stehen. Er traut sich kaum nach Hause. Ihm ist klar: Er muss dieses Schuljahr schaffen. Noch ein Jahr länger Schule erscheint ihm undenkbar.

Im Berliner Schulgesetz steht dazu: „Zeigt sich im Verlauf eines Schuljahres, insbesondere anhand des Halbjahreszeugnisses, dass die Versetzung einer Schülerin oder eines Schülers gefährdet ist, sind nach Maßgabe von § 59 Absatz 2 Satz 2 des Schulgesetzes individuelle Fördermaßnahmen schriftlich festzulegen und in angemessenen Zeitabständen zu überprüfen.“

Freiwillig sitzenbleiben

Seit dem Schuljahr 2010/2011 ist Sitzenbleiben, mit Ausnahmen, in Berlin nicht mehr vorgesehen. Stattdessen entscheiden die Schüler beziehungsweise die Eltern über eine freiwillige Wiederholung. Häufig wird der Begriff des Sitzenbleibens unter Schülern selbst verwendet, obwohl er mittlerweile veraltet ist. Oft entscheiden sich Familien, insbesondere Eltern, gegen die Versetzung anzukämpfen, wenn das Kind nach längerer Krankheit viele Unterrichtseinheiten verpasst hat. Weitere Gründe können soziale Probleme oder zu schlechte Noten sein.

Wenn Jugendliche vom Sitzenbleiben hören, denken viele von ihnen sofort, dies würde den sozialen Ruin für sie bedeuten. Doch es gibt auch Schüler, die das Durchfallen als Entlastung sehen. Nicht versetzt zu werden, hat fachlich keine Nachteile, denn man wiederholt den Lernstoff und hat einen kleinen Vorsprung aus dem letzten Schuljahr. In den meisten Fällen bekommen die Sitzengebliebenen eine zweite Chance und nutzen sie. Andere haben keine Lust und machen gar nichts mehr.

Dennoch: Im Schuljahr 2017/2018 sind nur 0,73 Prozent aller Berliner Schüler Wiederholer. Die meisten wiederholen die 7. oder 8. Klasse. Gründe dafür sind die herausfordernden Vorbereitungen auf den Mittleren Schulabschluss, die Berufsbildungsreife oder die erweiterte Berufsbildungsreife sowie die Umstellung von der Grund- zur weiterführenden Schule.

*Name geändert

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