Schaurig-schön: Gordi mit „Our Two Skins“

Was dreht sich da Neues auf den Plattentellern? Unser Musikkolumnist Moritz greift für euch tief in die Plattenkiste, hört in vielversprechende Alben rein und fördert neues Genuss- und Ohrwurmpotential zutage. Wo sollte man genauer hinhören?

Gordi – Our Two Skins

Aus in einem kleinen Örtchen in New South Wales eroberte Gordi 2017 mit ihrem Debütalbum „Reservoir“ im Sturm die australischen Charts. Schon zuvor hatte sie den starken Klang ihrer Stimme als Backgroundsängerin von Bon Iver unter Beweis stellen können. Nun folgte am vergangenen Freitag das von Fans heiß ersehnte zweite Studioalbum. Und das, obwohl 2020 für Gordi (bürgerlich Sophie Payten) zwischenzeitlich gar nicht im Zeichen der Musik stand. Die 27-Jährige ist nämlich studierte Medizinerin und sprang in den vergangenen Monaten kurzerhand ein, um die teils überfüllten australischen Krankenhäuser bei der Bewältigung der Coronakrise zu unterstützen. Jetzt steht ihre neue Platte „Our Two Skins“ in den Läden – und die Fans dürften nicht enttäuscht sein. Denn einmal mehr bereichert Gordi das Indie-Genre mit wunderschönen Melodien und mutigen Texten. 

Im musikalischen Zentrum des Albums steht stets ihre vielseitige Stimme, die uns mit einem weiten Tonspektrum und hypnotischen Melodien ins Reich der Tagträume entführt. Die begleitenden Instrumente halten sich oftmals dezent im Hintergrund, damit Gordi ihren Stimmapparat richtig in Szene setzen kann, wie etwa auf dem schaurig-schönen und starken Opener „Aeroplane Bathroom“. Auf anderen Songs wie „Sandwiches“ sind die Gitarren und Drums zwar wesentlich prägnanter, doch sie stellen sich dem kraftvollen Gesang niemals in den Weg. Im Gegenteil: Die Harmonie ist zuweilen perfekt. Auch auf lyrischer Ebene kann das Album begeistern. Gordi gibt sich außerordentlich introspektiv und scheut nicht davor zurück, ihre eigenen Schwächen und Ängste zu offenbaren. Es geht um die Suche nach dem Ich, die eigene Sexualität, die Verarbeitung vergangener Beziehungen, aber auch um Verzweiflung, Momente der Panik und den Umgang mit dem Tod. Ein thematisch breitgefächertes Spektrum, in dem sich sicher viele Millennials wiederfinden können. 

Nicht viele Künstler verstehen es Musik zu machen, die gleichermaßen traurig und glücklich stimmt. Gordi hat dieses Konzept bereits auf ihrem zweiten Album gemeistert und liefert somit einen mehr als würdigen Nachfolger zu ihrem Debüt. Klare Empfehlung!

Unsere Meinung: Starker Gesang, wunderschöne Melodien, mutige Texte: Indie at its best!

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Larkin Poe – Self Made Man

Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell, die unter dem Namen „Larkin Poe“ seit nunmehr zehn Jahren Rockmusik machen, dürften in Deutschland den wenigsten bekannt sein. Das mag mitunter daran liegen, dass das Duo aus Atlanta größtenteils sogenannten Roots Rock spielt, eine Version des Rock, die Elemente des Country, Blues und Folk vereint und vor allem in den amerikanischen Südstaaten größeren Anklang findet. Trotzdem sollten die beiden Powerfrauen auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit bekommen. Gerade haben Larkin Poe ihr mittlerweile fünftes Album mit dem ironischen Titel „Self Made Man“ veröffentlicht. Und das geizt keineswegs mit starken Gitarrenriffs und eingängigen Melodien. Kombiniert mit der tiefen Stimme von Leadsängerin Rebecca Lovell entstehen dabei durchaus Songs mit Hitpotential, wie etwa „Holy Ghost Fire“ und „Keep Diggin’“ beweisen. Das Schwesternduo, das 2018 sogar schon für einen Grammy nominiert war, strotzt auf jedem Song geradezu vor Selbstbewusstsein und liefert genau zur richtigen Zeit im Jahr ein markiges Album für sonnige Tage.

Fun Fact: Der etwas merkwürdige Name, den die Lovells für ihre Band gewählt haben, stammt von ihrem Ur-Ur-Ur-Großvater, der ein Cousin des berühmten Schriftstellers Edgar Allan Poe war.

Unsere Meinung: Erfrischender Südstaaten-Rock in zeitgemäßem Gewand. Empfehlenswert!

Haftbefehl – Das Weiße Album

Haftbefehl ist zurück. Der Offenbacher Rapper hat fast sechs Jahre seit seinem letzten Soloalbum („Russisch Roulette“) verstreichen lassen und betritt nun mit einer 14 Songs umfassenden neuen Platte erneut die Deutschrap-Bühne. Auf den ersten Blick mag man meinen, inhaltlich hätte sich bei Hafti nichts geändert: Bei seinem „Weißen Album“ ist der Name Programm – es geht mal wieder ausführlich um das Geschäft mit dem kolumbianischen Exportschlager. Doch das Album zeigt schnell die inhaltliche Entwicklung auf, die Haftbefehl in den letzten Jahren durchgemacht hat. In der Zeit seit dem letzten Album hat sich nämlich einiges getan: Der Gangsta-Rapper, der mit seinem harten Straßensound eine ganze Generation abgeholt hat, ist sesshaft geworden und hat eine Familie gegründet. 2020 muss er nun den gefährlichen Spagat wagen, gleichzeitig hart zu klingen, aber auch authentisch zu bleiben. Ein Familienvater mit Haus und Vorgarten dealt in der Regel eben nicht mehr auf der Frankfurter Straße. In einer Zeit, in der die Rapszene von einem sehr jungen Haufen neuer Künstler dominiert wird, gehört Hafti sowieso schon eher zu den Oldies. Da wundert es kaum, dass er sich auf seinem neuen Album erneut mit Marteria zusammengetan hat, um einen Song an die Söhne der beiden zu richten („Papa war ein Rolling Stone“). Väterlicher Rap von der Straße sozusagen. Haftbefehl hat gemerkt, dass er sich allein altersmäßig in einer anderen Sphäre befindet als die deutsche Newschool. Zum Glück macht er nicht den Fehler, sich ihr anzubiedern, sondern möchte sich im Gegenteil von ihr abgrenzen. Auf „Morgenstern“ wird diese nächste Generation daher eifrig gedisst. Ohne Widersprüche wäre Haftbefehl aber nicht Haftbefehl: Einerseits kreidet er seinen Gegnern übermäßige Autotune-Nutzung an, andererseits macht er selbst üppigen Gebrauch von der Stimmverzerrung. Und irgendwie funktioniert das bei ihm auch meistens. Auf Beatebene ist „Das Weiße Album“ besonders hochkarätig: Die zutiefst brachialen und ausgefeilten Beats von Produzent Bazzazian sind wie gewohnt die treibende Kraft hinter dem Album.

Alles in allem klingt der neue Haftbefehl ausgezeichnet. Straßenrap aus Papa-Perspektive funktioniert hier gut, der Sound ist rund und ausgereift. Und natürlich zeigt Hafti einmal mehr eindrucksvoll, was ihn als Rapper zum Unikat macht. Völlig abgedrehte Reimketten und geniale grammatikalische Fehler inklusive.

Unsere Meinung: Haftbefehl muss man hassen oder lieben. Wer ihn feiert, wird auch die neue Platte lieben!

Flying Lotus – „Flamagra“ (Deluxe Version)

Zugegeben, „Flamagra“ von Flying Lotus ist nicht absolut brandneu. Das sechste Studioalbum des Steven Ellison, wie „FlyLo“ mit bürgerlichem Namen heißt, ist eigentlich schon vor einem Jahr erschienen. Fans des Beatproduzenten aus Los Angeles hatten nach dem 2014 erschienenen „You’re Dead!“ ganze fünf Jahre auf eine neue Platte warten müssen – und wurden nicht enttäuscht. Nun, ein gutes Jahr später, erscheint die Deluxe-Version von „Flamagra“, die von Hobbyrappern und DJs sehnlichst erwartet wurde. Denn mit ihr kommen alle 27 Tracks des ursprünglichen Albums als Instrumentals. Dabei hat das Originalwerk eine Fülle hochkarätiger Featuregäste zu bieten: Anderson .Paak, Denzel Curry und der legendäre Thundercat seien hier nur als Beispiele zu nennen. Doch egal, ob Originalsong oder Instrumental: FlyLo hat auf „Flamagra“ ganze Arbeit geleistet. Das satte 107 Minuten lange Album schäumt über vor musikalischer Vielfalt, Finesse und Detailverliebtheit. Das führt dazu, dass man bis heute bei jedem Durchhören neue Facetten und Nuancen entdecken kann. Typisch für Flying Lotus verschmelzen hier unter anderem Funk-, Jazz- und Hiphop-Elemente scheinbar mühelos zu einem einzigartigen Kunstwerk, das keiner starren Linie folgt und sich stetig neu erfindet. Auf lyrischer Ebene sollte man hier keine Offenbarung erwarten: Ausdrucksstark wird „Flamagra“ allein durch die Musik. Daher funktionieren die Instrumentals auch ganz alleine, ohne Gesang oder Rap.

Ein musikalischer Trip, der nach vorne prescht, nur um im nächsten Moment von ganz hinten wieder neu zu starten; der mal nach rechts, mal nach links, oben oder unten ausschlägt – und den Hörer dabei stets mitnimmt.

Unsere Meinung: Starke Symbiose verschiedenster Genres, die in der Instrumentalversion auch ganz ohne Gesang oder Rap funktioniert.

The 1975 – „Notes On A Conditional Form”

Man kann viel über die Musik von „The 1975“ behaupten, doch mit Sicherheit nicht, dass sie eintönig sei. Auch das neue Werk der britischen Pop-Rockband ist in musikalischer Hinsicht ein Album der Extreme. Auf der 22 Tracks umfassenden Platte wollen die Jungs um Frontsänger Matthew Healy den chaotischen Zeitgeist unserer Generation reflektieren, was sich zum großen Teil im eklektischen Charakter des Werks niederschlägt. Wer auf dem Weg durch das Album nämlich einen stilistischen roten Faden sucht, wird auf „Notes On A Conditional Form“ garantiert nicht fündig: Hier ist wirklich alles vorhanden – von aggressivem Anarcho-Punk („People“) über angestaubt klingende Indie-Hymnen („If You’re Too Shy“) und dahinplätscherndes Synthie-Füllmaterial („Yeah I Know“) bis hin zu treibendem House mit Dancehall-Einflüssen („Shiny Collarbone“). Die Rechnung geht leider nicht wirklich auf, denn wo alle möglichen Stile in einen Topf geworfen werden und viel experimentiert wird, lässt sich schwer ein zugrundeliegendes Konzept erkennen. Mit den Lyrics versucht Sänger Healy, die wilde Mischung irgendwie zusammenzuhalten – es gibt eine gehörige Portion Selbstreflektion und Sozialkritik zu hören – doch letztendlich ist die Platte etwas überladen und hätte eine Entschlackungskur vertragen können. Da hilft auch die Stimme Greta Thunbergs nicht, deren knapp 5-minütiger Monolog auf dem allerersten Track den Hörer auf Kampf und Rebellion einschwört.

Trotz aller Ambitionen ist weniger eben doch manchmal mehr. Dennoch ist „Notes On A Conditional Form” ein außergewöhnliches Album, das teils wirklich schöne und erfrischende Tracks beheimatet. Vielleicht sollte man sich diese Highlights einfach in die Playlist packen und auf Überschüssiges dankend verzichten – so macht man das doch ohnehin heutzutage.

Unsere Meinung: Eklektisches, leicht überambitioniertes Album mit einigen Highlights.

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Moby – „All Visible Objects“

Was treibt eigentlich Moby? In den vergangenen Jahren ist das New Yorker Electronic-Urgestein immer mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, was nicht zuletzt an der zunehmenden Irrelevanz seines musikalischen Outputs liegt.
Nun hat Richard Melville Hall, wie Moby mit bürgerlichem Namen heißt, sein mittlerweile 17. Album veröffentlicht. Der Künstler und Aktivist verfolgt mit der Platte durchaus ehrenwerte Ziele: Sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf des neuen Albums gehen an Tier- und Menschenrechtsorganisationen. Nur zu gerne würde man solch noble Zwecke unterstützen, wenn doch auch die Musik Spaß machen würde. Jedoch liefert Moby wie schon auf seinen letzten Alben nicht mal ansatzweise eine musikalische Qualität und Finesse, wie man sie etwa noch auf legendären Platten wie „Play“ (1999) vorfand. Thematisch bewegt sich „All Visible Objects“ konsequent im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Tierrechte. Musikalisch haben die größtenteils EDM-lastigen Songs leider nicht viel zu bieten. Die Mischung kommt monoton und generisch rüber, die sich stetig wiederholenden Lyrics der Gastsänger öden an. Das geht soweit, dass Tracks wie das pseudo-kämpferische „Power is Taken“ eigentlich nur nerven. Auch eine atmosphärische Stimmung, die so manches Lied wie der gut neunminütige Titelsong „All Visible Objects” heraufbeschwören möchte, will sich leider nicht so recht einstellen. Irgendwie hat man das Gefühl, man hätte das alles schon zigmal gehört. Schade! Von einem ehemaligen Avantgardisten des elektronischen Pop hätte man mehr erwarten können.

Unsere Meinung: Musikalisch unspektakuläres Album, das leider bei Weitem nicht an vergangene Meisterwerke anknüpfen kann.

I Break Horses – „Warnings“

Wer Lust auf eine ausgedehnte Reise in die Tiefen der Seele hat, sollte sich das neue Album des schwedischen Duos I Break Horses zu Gemüte führen. Auf den ersten Blick lässt die Kombination aus der ätherischen Stimme von Sängerin Maria Lindén und den federleichten, geschichteten Synthie-Melodien dem Hörer regelrecht Flügel wachsen.
Doch der zu weiten Teilen euphorische Dream-Pop-Sound des Albums trügt: Inhaltlich fliegen die Schweden nicht in Richtung Himmel, sondern tauchen tief in die emotionalen Abgründe einer gebeutelten Seele ein. Der vernichtende Rückblick auf eine vergangene Beziehung, der im ersten Song den Ton für das gesamte Album angibt, ist nur ein Beispiel. Weitere Lieder mit den Titeln „I’ll Be the Death of You“ oder „Depression Tourist“ sprechen für sich. Wer in der Stimmung ist, sich mit entsprechenden Themen auseinanderzusetzen, den erwartet ein facettenreiches, musikalisch überzeugendes Album.  

Unsere Meinung: Verträumter, emotional tiefschürfender Synth-Pop.

Car Seat Headrest – „Making a Door Less Open“

Auf ihrem neu erschienenen Album schlägt die amerikanische Indie-Rock-Band um Mastermind Will Toledo neue Töne an. Wer mit der Musik von Car Seat Headrest vertraut ist, merkt, dass die Jungs sich hier von ihrem bisherigen Sound entfernen und neue Wege gehen wollen. Dabei helfen soll der verstärkte Einsatz von Syntie-Melodien und allerlei Effekten. Herausgekommen ist ein eklektisches Werk fernab von eingängigem Rock-Pop, das leider nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Teils wirkt die Mischung etwas überladen, viele der Soundexperimente funktionieren nicht wirklich. Doch dazwischen finden sich mit Songs wie „Can’t Cool Me Down“ oder „Hollywood“ sehr erfrischende Passagen, die teils sogar Hitpotential bergen.

Unsere Meinung: Experimentelles und abwechslungsreiches Album mit Höhen und Tiefen.

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