Weniger ist manchmal mehr: The 1975 mit „Notes On A Conditional Form“

Was dreht sich da Neues auf den Plattentellern? Unser Musikkolumnist Moritz greift für euch tief in die Plattenkiste, hört in vielversprechende Alben rein und fördert neues Genuss- und Ohrwurmpotential zutage. Wo sollte man genauer hinhören?

The 1975 – „Notes On A Conditional Form”

Man kann viel über die Musik von „The 1975“ behaupten, doch mit Sicherheit nicht, dass sie eintönig sei. Auch das neue Werk der britischen Pop-Rockband ist in musikalischer Hinsicht ein Album der Extreme. Auf der 22 Tracks umfassenden Platte wollen die Jungs um Frontsänger Matthew Healy den chaotischen Zeitgeist unserer Generation reflektieren, was sich zum großen Teil im eklektischen Charakter des Werks niederschlägt. Wer auf dem Weg durch das Album nämlich einen stilistischen roten Faden sucht, wird auf „Notes On A Conditional Form“ garantiert nicht fündig: Hier ist wirklich alles vorhanden – von aggressivem Anarcho-Punk („People“) über angestaubt klingende Indie-Hymnen („If You’re Too Shy“) und dahinplätscherndes Synthie-Füllmaterial („Yeah I Know“) bis hin zu treibendem House mit Dancehall-Einflüssen („Shiny Collarbone“). Die Rechnung geht leider nicht wirklich auf, denn wo alle möglichen Stile in einen Topf geworfen werden und viel experimentiert wird, lässt sich schwer ein zugrundeliegendes Konzept erkennen. Mit den Lyrics versucht Sänger Healy, die wilde Mischung irgendwie zusammenzuhalten – es gibt eine gehörige Portion Selbstreflektion und Sozialkritik zu hören – doch letztendlich ist die Platte etwas überladen und hätte eine Entschlackungskur vertragen können. Da hilft auch die Stimme Greta Thunbergs nicht, deren knapp 5-minütiger Monolog auf dem allerersten Track den Hörer auf Kampf und Rebellion einschwört.

Trotz aller Ambitionen ist weniger eben doch manchmal mehr. Dennoch ist „Notes On A Conditional Form” ein außergewöhnliches Album, das teils wirklich schöne und erfrischende Tracks beheimatet. Vielleicht sollte man sich diese Highlights einfach in die Playlist packen und auf Überschüssiges dankend verzichten – so macht man das doch ohnehin heutzutage.

Unsere Meinung: Eklektisches, leicht überambitioniertes Album mit einigen Highlights.

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Moby – „All Visible Objects“

Was treibt eigentlich Moby? In den vergangenen Jahren ist das New Yorker Electronic-Urgestein immer mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, was nicht zuletzt an der zunehmenden Irrelevanz seines musikalischen Outputs liegt.
Nun hat Richard Melville Hall, wie Moby mit bürgerlichem Namen heißt, sein mittlerweile 17. Album veröffentlicht. Der Künstler und Aktivist verfolgt mit der Platte durchaus ehrenwerte Ziele: Sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf des neuen Albums gehen an Tier- und Menschenrechtsorganisationen. Nur zu gerne würde man solch noble Zwecke unterstützen, wenn doch auch die Musik Spaß machen würde. Jedoch liefert Moby wie schon auf seinen letzten Alben nicht mal ansatzweise eine musikalische Qualität und Finesse, wie man sie etwa noch auf legendären Platten wie „Play“ (1999) vorfand. Thematisch bewegt sich „All Visible Objects“ konsequent im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Tierrechte. Musikalisch haben die größtenteils EDM-lastigen Songs leider nicht viel zu bieten. Die Mischung kommt monoton und generisch rüber, die sich stetig wiederholenden Lyrics der Gastsänger öden an. Das geht soweit, dass Tracks wie das pseudo-kämpferische „Power is Taken“ eigentlich nur nerven. Auch eine atmosphärische Stimmung, die so manches Lied wie der gut neunminütige Titelsong „All Visible Objects” heraufbeschwören möchte, will sich leider nicht so recht einstellen. Irgendwie hat man das Gefühl, man hätte das alles schon zigmal gehört. Schade! Von einem ehemaligen Avantgardisten des elektronischen Pop hätte man mehr erwarten können.

Unsere Meinung: Musikalisch unspektakuläres Album, das leider bei Weitem nicht an vergangene Meisterwerke anknüpfen kann.

I Break Horses – „Warnings“

Wer Lust auf eine ausgedehnte Reise in die Tiefen der Seele hat, sollte sich das neue Album des schwedischen Duos I Break Horses zu Gemüte führen. Auf den ersten Blick lässt die Kombination aus der ätherischen Stimme von Sängerin Maria Lindén und den federleichten, geschichteten Synthie-Melodien dem Hörer regelrecht Flügel wachsen.
Doch der zu weiten Teilen euphorische Dream-Pop-Sound des Albums trügt: Inhaltlich fliegen die Schweden nicht in Richtung Himmel, sondern tauchen tief in die emotionalen Abgründe einer gebeutelten Seele ein. Der vernichtende Rückblick auf eine vergangene Beziehung, der im ersten Song den Ton für das gesamte Album angibt, ist nur ein Beispiel. Weitere Lieder mit den Titeln „I’ll Be the Death of You“ oder „Depression Tourist“ sprechen für sich. Wer in der Stimmung ist, sich mit entsprechenden Themen auseinanderzusetzen, den erwartet ein facettenreiches, musikalisch überzeugendes Album.  

Unsere Meinung: Verträumter, emotional tiefschürfender Synth-Pop.

Car Seat Headrest – „Making a Door Less Open“

Auf ihrem neu erschienenen Album schlägt die amerikanische Indie-Rock-Band um Mastermind Will Toledo neue Töne an. Wer mit der Musik von Car Seat Headrest vertraut ist, merkt, dass die Jungs sich hier von ihrem bisherigen Sound entfernen und neue Wege gehen wollen. Dabei helfen soll der verstärkte Einsatz von Syntie-Melodien und allerlei Effekten. Herausgekommen ist ein eklektisches Werk fernab von eingängigem Rock-Pop, das leider nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Teils wirkt die Mischung etwas überladen, viele der Soundexperimente funktionieren nicht wirklich. Doch dazwischen finden sich mit Songs wie „Can’t Cool Me Down“ oder „Hollywood“ sehr erfrischende Passagen, die teils sogar Hitpotential bergen.

Unsere Meinung: Experimentelles und abwechslungsreiches Album mit Höhen und Tiefen.

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