Die Kunst ist frei, Schriftsteller dürfen schreiben worüber und wie sie wollen. Der Tag des (freien) Buches erinnert daran, dass das nicht immer so war.

Von Antonia Bernitt

Wenn man den Namen Erich Kästner hört, denkt man sofort an einen Kinder -und Jugendbuchautor. Jeder kennt „Das fliegende Klassenzimmer“, „Das doppelte Lottchen“ oder „Emil und die Detektive“. Aber würde man vermuten, dass viele seiner Bücher zusammen mit über 20.000 anderen am 10. Mai 1933 – und somit zu Beginn des dritten Reiches – am Berliner Opernplatz verbrannt wurden?

Doch genau das ist passiert. Bücher von Schriftstellern wie Karl Marx, Heinrich Heine, Thomas Mann, Heinrich Mann, Berthold Brecht, Erich Kästner und vielen anderen wurden auf riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Mit so genannten Feuersprüchen, wie zum Beispiel „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner!“ wurden die Bücher ins Feuer geworfen. Nur von wem? Und warum?

Vielen wird der Name Joseph Goebbels ein Begriff sein: Er war einer der wichtigsten Gefolgsleute Hitlers. Goebbels organisierte die Bücherverbrennung, durchgeführt wurde sie allerdings von nationalsozialistischen Studenten. Sie sammelten Bücher aus öffentlichen und privaten Büchereien und Bibliotheken und warfen sie anschließend ins Feuer. Doch sie verbrannten nicht irgendwelche Bücher. Wenn ein Buch Kriterien aufwies, die auf der sogenannten Schwarzen Liste standen, wurde es eingesammelt und vernichtet. Solche Kriterien konnten sein, dass in dem Buch die Weimarer Republik (Deutschland vom Jahre 1918-1933; es bestand erstmals eine Demokratie in Deutschland, also das Gegenteil von Hitlers Politik) befürwortet wurde. Auch kommunistisch geprägte Bücher waren nicht gerne gesehen (Kommunismus = Alle sind gleich, es gibt keine Klassen, niemand ist besser als der andere).

Eines der vielen verbrannten Bücher ist „Fabian“ von Erich Kästner. In dem Roman geht es um den 32-jährigen Dr. Jakob Fabian, der darauf wartet, dass die Menschen anständiger und besser werden. Kästner schreibt unter anderem über eine Schießerei auf der Straße, in der ein Nazi und ein Kommunist sich gegenseitig schwer verletzten. Der Arzt im Krankenhaus schiebt diesen und weitere Vorfälle auf die katastrophale politische Lage in Deutschland. Verbrannt wurde das Buch wegen pornografischer Darstellung, obwohl nur der freizügige Lebensstil der 20er Jahre dargestellt wurde. Ob das der wirkliche Grund oder nur eine Ausrede für die Ansicht ist, Kästners politische Meinung sei gefährdend, bleibt dem Betrachter überlassen.

Der Tag des (freien) Buches
Der „Tag des Buches“ wurde 1929 zum ersten Mal gefeiert. Die Woche um den 10. Mai wurde nach den Bücherverbrennungen von den Nazis zur „Woche des deutschen Buches“. Im Jahr 1949 wurde der 10. Mai von allen vier Sektoren als Gedenktag an die Vernichtung der kritischen Literatur begangen. In der DDR wurde er als „Tag des freien Buches“ weitergeführt. Seit 1983 erinnert man sich am 10. Mai in ganz Deutschland an die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft auf Literatur und Literaten.